the cogito foundation
 
  Schlussberichte 2007   (Last Update: 29.04.2008)
   
 
R-115/03  

"Neubewertung des Erdbebens in Basel von 1356"
Dr. Donath Fäh, Schweiz. Erdbebendienst und ETH Zürich Fr. 80'000.-

Die bisherige Beurteilung des Erdbebens von Basel im Jahre 1356 stützte sich weitgehend auf sekundäre Quellen. Die Auswirkungen in der Umgebung der Stadt Basel waren nur bruchstückhaft bekannt. Unter Beizug von Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen wurde eine Neubewertung versucht: Mediävisten, zur Beurteilung historischer Dokumente arbeiteten zusammen mit Bauingenieuren, welche den Einfluss des Baugrundes auf das Schadensbild abschätzten und Seismologen, welche das Beben besser charakterisierten. Die wegen unterschiedlichen Wissenskulturen doch recht schwierige disziplinübergreifende Zusammenarbeit führte zu einer Neubearbeitung von bekannten historischen Quellen. Sie förderte eine nicht erwartete, grosse archäologische Datenbasis in Basel zu Tage und zeigte, dass jedoch ausserhalb Basels nur wenige Informationen und Hinweise – insbesondere über die umliegende Burgen vorhanden sind. Die verschiedenen Schadensanalysen und die Resultate aus der Gebäudeuntersuchung zeitigten konsistente Ergebnisse.

     
R-112/05  

"Kel Tamasheq" (Anschlussgesuch R-108/04)
Prof. Reinhard Schulze, Anna Münch, Inst. für Islamwissenschaft, Universität Bern Fr.165'000.-

Die Dissertation wollte Wege aufzeigen, wie den in traditionellen und religiösen Tabus gefangenen Nomaden des südlichen Sahels den Zugang zur modernen Gesundheitsversorgung ermöglicht werden kann. Methoden der präventiven und therapeutischen Medizin einzuführen, scheitert oft an Misstrauen und Tabus. Untersucht wurde das individuelle und das soziale Krankheitsempfinden dieser Leute von der Schweizer Islamwissenschafterin, Anna Katharina Münch und dem einheimischen Mediziner Mohamed al Mouctar.
Als Frau hatte sie einen einfacheren Zugang zu den Patientinnen, zumal sie die lokalen Berbersprachen spricht. Die Datenerhebungen verliefen angesichts der schwierigen, zum Teil dramatischen Umstände erstaunlich erfolgreich, obwohl Nothilfe oftmals eine höhere Priorität erhielt als die Forschung:
Abhängig von ökologischen und ökonomischen Faktoren ihrer ariden Umwelt zeichnen sich nomadische Gesellschaften durch wiederholte Wanderschaft und Ortsveränderungen aus und sind infolge geographischer, kultureller und politischer Faktoren weitgehend marginalisiert. Aufgrund ihrer Mobilität, der Nähe zum Viehbestand, einer Ernährung reich an Milchprodukten und ihrer ariden Umwelt sind pastorale Gesellschaften diversen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, die zu einer der höchsten Kindersterblichkeitsraten der Welt führen: bis zu 28% der Kinder in der Azawad-Region im Norden Malis sterben vor ihrem fünften Lebensjahr.
Bestehende Gesundheitsdienste in Mali sind in keiner Weise auf die mobile Lebensart von Nomaden ausgerichtet, und besonders Frauen und Kinder haben durch soziokulturelle Barrieren kaum Zugang zu externen Gesundheitsdiensten. Über deren internen Netzwerke, Krankheitswahrnehmungen, wahrgenommenen Ursachen und daraus resultierendes Verhalten ist in der Forschung äusserst wenig bekannt.
Aride Gebiete der Sahelzone sind ökonomisch nur durch nomadisierende Viehzüchter nutzbar. Wenn Grundlagen von Krankheitskonzepten und -Strategien der Pastoralnomaden besser bekannt sind, können adaptierte Gesundheitsinterventionen ihre Lebensumstände verbessern und die Beibehaltung einer nomadischen Nutzung arider Weidegebiete ermöglichen.
Es ist jedoch kaum möglich, Krankheiten zu kontrollieren ohne deren Kontext zu kennen. Wichtige Angaben zum allgemeinen Gesundheitsverständnis nomadischer Frauen, zu Krankheiten und deren Verteilung helfen daher nicht nur eine Wissenslücke zu füllen, sondern auch ein soziokulturelles Verständnis aufzubauen und lokale Gesundheitsstrategien zu ermitteln, die für örtliche Autoritäten und Organisationen zur Entwicklung einer adäquaten Gesundheitsvorsorge dienen können.
Lokale Risiken und Bedürfnisse einer Gesellschaft sind jedoch weder allein durch biomedizinische Rationalität, noch durch kulturwissenschaftliche Fragestellungen ganzheitlich erfassbar. Grundlagenforschung zu Krankheiten einer spezifischen Gesellschaft bedarf der interdisziplinären Koppelung medizinisch-epidemiologischer Studien mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen, um ein umfassendes Bild zu erhalten.

     
R-115/05  

"Musikalische Kreativität in der Anwendung neuer Kompositions-Software"
PD Dr. Guerino Mazzola, Institut für Informatik, Universität Zürich Fr. 50'000.-
(heute School of Music, University of Minnesota, Minneapolis, USA)

Der Gesuchsteller hat es geschafft, die abendländische Tonkunst in mathematische Formeln zu fassen. Er hat alle Erkenntnisse über Analyse, Interpretation und Komposition von Musik in die Computer¬pro¬gramme "Rubato" (1992 entwickelt) und "Presto" eingepackt. Seine Software zur Wiedergabe von Musik¬stücken verwendet zum Bespiel winzige Verschiebungen in Lautstärke und Rhythmus, die einem Stück plötzlich einen swingenden Groove oder einen Hauch von Chinesischer Musik verleihen. In Zu¬sammen¬arbeit mit Komponisten und Musikinformatikern der Ecole Normale Supérieure (ENS) und dem IRCAM von Boulez in Paris wurde der "Rubato Composer" nun zu einem tauglichen Kompositions-Werkzeug weiter¬entwickelt. Diese Software wurde nun angewendet, um die berühmte Komposition "Structures pour deux pianos", erster Teil, von Boulez, zu analysieren und neu für 12 Instrumente orchestral zu kompo¬nieren. Die Forschung und das klingende Resultat wurden am 15. Dezember 2007 am IRCAM in Paris vorgestellt und diskutiert. Der Andrang war gross, der Direktor des IRCAM war begeistert und die Komposition wurde sogar von bekannten Komponisten als eigentliches "Werk" und nicht nur als "Stück" taxiert.

Die Komposition ist unter http://www.encyclospace.org/special/restructures.mp3 auf dem Internet verfügbar.

     
T-104/06  

"Hirnforschung und Menschenbild"
Profs. Drs. Adrian Holderegger und Beat Sitter-Liver, Universität Fribourg Fr. 5'000.-

Das Symposium "Hirnforschung und Menschenbild", welches vom 12. -14. Oktober 2006 an der Universität Fribourg stattfand, schlug eine echte Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Neurowissenschafter und Mediziner diskutierten mit Theologen, Rechtswissenschaftern und Philosophen über elementare Fragen, Thesen und Hypothesen des Bildes vom Menschen und seiner Stellung und Aufgabe in der Welt. Unverkennbar ist, dass das Menschenbild durch neue Ergebnisse der Neurowissenschaften stark betroffen wird, insbesondere bezüglich der Willensfreiheit. Die Tagung hat im Interesse von Wissenschaft und Gesellschaft den Stand die hohen diagnostischen wie therapeutischen Erwartungen und wissenschaftliche Begeisterung, aber auch die massiven Befürchtungen dargestellt, die Kontroversen gesichtet sowie die verschiedenen Positionen unter normativen Aspekten (Ethik, Recht, Politik) bewertet und sich über Empfehlungen für den kritisch-konstruktiven Umgang mit dem Abenteuer Hirnforschung verständigt. Die Erkenntnisse wurden 2007 in Buchform veröffentlicht:

Hirnforschung und Menschenbild: Beiträge zur interdisziplinären Verständigung
ISBN 978-3-7278-1571-3 (Academic Press Fribourg),
ISBN 978-3-7965-2294-9 (Schwabe Verlag, Basel)

     
S-110/06  

"Integrating biodiversity conservation and game theory on human cooperation: The role of informal institutions and moral systems"
Dr. Claudia Rutte, Universität Lausanne Fr. 57'600.-

Staatlich verordnete Naturschutzgebiete verfehlen ihren Zweck oft, da die Integrität des Ökosystems und der Artenvielfalt nicht gewährleistet ist. Besser schneiden traditionelle "Heilige Haine" und religiöse Tabus ab. Dieses Phänomen wurde unter dem Aspekt der Evolution sozialer Normen untersucht. Seit einigen Jahren ist bekannt, dass die Formel "wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt" nicht uneingeschränkt gilt. Menschen in sozialen Netzen sind altruistischer. Die Feldarbeit wurde in Südindien durchgeführt, wo Tabus und Traditionen noch stark sind.

Sacred groves: potential for biodiversitymanagement

     
P-121/06  

"Laborführungen & Praktika am Life Science Learning Center (LSLC)"
Dr. Peter Jann, LSLC, Universität Zürich, Überbrückungsbeitrag Fr. 35'000.-
(Anschlussgesuch zu P-128/05 Anschubfinanzierung für 2 Jahre Fr. 55'000.-) total Fr. 90'000.-

Das Life Science Learning Center wurde am 1. März 2006 eröffnet. Das Projekt „Laborführungen & Praktika“ ist ein wichtiger Teil dieses Projekts und sehr erfolgreich. Es ermöglicht Schulklassen und der interessierten Öffentlichkeit, nach Voranmeldung, jederzeit Labor-Demonstrationen und Praktika zu besuchen. Damit wird das Verständnis für Life Science in der Gesellschaft erhöht. Das LSLC ist auch Bindeglied zwischen der pädagogischen Hochschule, dem Zürcher Hochschulinstitut für Schulpädagogik und Fachdidaktik sowie den Fachwissenschaften der Biologie von ETH und Universität Zürich. Auf diese Weise fördert es die Zusammenarbeit und den Dialog zwischen den naturwissenschaftlichen Disziplinen der Life Sciences und der geistes- und sozialwissenschaftlich orientierten Pädagogik mit den Zielen:

  • Fachvertiefende Ausbildung in den Life Sciences für zukünftige Lehrpersonen,
  • Weiterbildungsangebot für Mittelschullehrpersonen,
  • Labor-Demonstrationen und Praktika für Schulen und Öffentlichkeit.

Schlussbericht

     
P-124/06  

"Ägyptische Särge, Mumien und Masken in Schweizer Museen und Sammlungen"
Alexandra Küffer, Renate Siegmann lic.phil., Universität Basel Fr. 3'000.-

Die in der Schweiz existierenden 45 ägyptischen Sammlungen, deren Objekte zum grossen Teil in Depots lagern und somit der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, wurden systematisch von Ägyptologen sowie der Orthopädischen Universitätsklinik Balgrist und dem Anatomischen Institut der Universität Zürich untersucht. Die Beschreibungen sind nun der Öffentlichkeit mittels Publikation im Chronos Verlag quasi in einem "virtuellen Museum" zugänglich gemacht worden. Das 2007 erschienene Buch "Unter dem Schutz der Himmelsgöttin", ägyptische Särge, Mumien und Masken in der Schweiz enthält auf über 200 Seiten, rund 140 Farb- und 40 schwarz/weiss-Abbildungen.

"Unter dem Schutz der Himmelsgöttin" Ägyptische Särge, Mumien und Masken in der Schweiz.
ISBN 978-3- 0340-0854-9

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