"Der affektive Stachel – Psychochirurgie nach dem Zweiten Weltkrieg"
Dr. Marietta Meier, Collegium Helveticum, Zürich Fr. 67'042.-
Psychochirurgische Eingriffe, d.h. chirurgische Eingriffe am Gehirn aufgrund einer psychiatrischer Indikation, waren bis etwa 1970 vor allem Leukotomien – eine Operation, bei der man mit einem Schnitt durch das weisse Hirngewebe Verbindungen zwischen Frontalhirn und Thalamus durchtrennte. Das 1935 entwickelte Verfahren wurde ab 1942 in zahlreichen Ländern verbreitet. In den deutsch- und französischsprachigen Ländern führte man die Leukotomie oder Lobotomie nach dem Ende des 2. Weltkriegs ein und wandte sie bis in die 1950er Jahre, in einzelnen Kliniken bis zu Beginn der 1970er Jahre an. Operationen am Gehirn stellten in den Augen der meisten zeitgenössischen Psychiater die risikoreichste und einschneidendste Therapie in ihrer Disziplin dar, weil sie die Persönlichkeit der Betroffenen veränderten und schwere körperliche Nebenwirkungen haben konnten. Die Ärzte glaubten in der Regel nicht, dass sich mit dem neuen Behandlungsverfahren die eigentliche psychische Störung heilen lasse. Sie hofften jedoch, bestimmte Symptome zu beseitigen oder wenigstens zu mildern und auf diese Weise der Krankheit – so die beliebte zeitgenössische Metapher – ihren "affektiven Stachel" zu nehmen.
Die Analyse des internationalen Leukotomie-Diskurses sowie der psychochirurgischen Praxis in verschiedenen psychiatrischen Kliniken der Schweiz hat gezeigt, dass die Metapher des "affektiven Stachels", die in erster Linie dazu dienen sollte, ein bisher unbekanntes Phänomen anschaulich zu beschreiben, mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Modellen und Theorien zusammenhing sowie soziale Dimensionen und Funktionen aufwies. Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass der "Stachel" schwerer, unheilbarer psychischer Krankheiten an ganz verschiedenen Orten steckte: Die Psychochirurgie stand zum einen in einem spezifischen wissenschaftlichen Kontext. Sie stellte ein "Massenexperiment" dar, das die Gelegenheit bot, bei einer grossen Zahl von Menschen die körperlichen und psychischen Veränderungen zu untersuchen, die sich nach einer – im Vergleich zu Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns – genaueren und selektiveren Läsion feststellen liessen. Die psychochirurgische Forschung hoffte einerseits, verschiedene theoretische Fragen wie zum Beispiel die Wirkungsweise des Eingriffs zu erklären und damit einen Beitrag zur Hirnforschung zu leisten. Andererseits verfolgte sie das Ziel, bessere Operationsmethoden zu entwickeln und die Indikationsstellung zu präzisieren. Auf diese Weise sollte der Stachel des Nichtwissens gezogen werden, der für die Psychochirurgie nicht zuletzt wegen ihrer Umstrittenheit eine Hypothek darstellte.
Zum anderen stand die Psychochirurgie in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang. In der Nachkriegszeit litten die psychiatrischen Anstalten unter finanziellen Restriktionen, starker Überbelegung und Personalmangel. Unter diesen Umständen bot die Leukotomie eine einfache, kostengünstige Lösung für den finanziellen Stachel, den schwer pflegebedürftige, chronisch Geisteskranke bedeuteten. Gleichzeitig wirkte sie den Problemen entgegen, die diese Patienten innerhalb der Klinik bereiten konnten. Für die Angehörigen und Rechtsvertreter der Kranken, die fast immer in den Eingriff einwilligten, war die Psychochirurgie vor allem ein Mittel gegen den Stachel der Hoffnungslosigkeit. Dass der Stachel psychischer Krankheiten eine gesellschaftliche Dimension aufwies, zeigt sich auch an der Tatsache, dass etwa doppelt so viele Frauen wie Männer einem psychochirurgischen Eingriff unterzogen wurden. "Laute", "aggressive" Patientinnen störten in den Augen der Psychiater und der Pflegerinnen den Anstaltsbetrieb mehr als "unruhige" Patienten, sie galten schneller als behandlungsbedürftig und therapieresistent und wurden deshalb auch häufiger leukotomiert.
Angesichts dieser Ergebnisse drängt sich die Frage auf, in welchem (historischen) Kontext die Neurowissenschaften heute stehen. Die Idee, Geisteskranke einer Hirnoperation zu unterziehen, setzt ein bestimmtes Menschenbild voraus und wirkt gleichzeitig auf dieses zurück. Die Resultate des Projekts zeigen, dass zwischen dem Menschenbild einer Gesellschaft, naturwissenschaftlicher Forschung und der Entwicklung und klinischen Anwendung einer Behandlungsform wechselseitige Zusammenhänge bestehen. Die Studie trägt somit in zweifacher Hinsicht dazu bei, den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu überbrücken: Sie stellt ein naturwissenschaftliches Phänomen aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive dar und zeigt die historische und die gesellschaftliche Dimension der aktuellen Neurowissenschaften auf.
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