the cogito foundation
 
  Schlussberichte 2009   (Last Update: 15.06.2010)
   
 
S-106/06   "Graduiertenprogramm für interdisziplinäre Ethikforschung an der Universität Zürich 2007 - 2010"
Prof. Dr. Markus Huppenbauer, Universität Zürich, Finanzierung der Dissertation von Adrian Jäggi für 3 Jahre, Fr. 144'000.-

Das Forschungsprojekt untersuchte die Evolution von Moral oder moral-relevantem Verhalten. Der Fokus lag auf Vergleichen von Menschen mit deren nächsten Verwandten, insbesondere im Bereich des Futterteilens, da in diesem Verhalten Eigenschaften wie Altruismus, gegenseitige Verpflichtungen, Dankbarkeit, Empörung, Bestrafung, etc. zu Tage treten. Durch einen regen Austausch mit Moralphilosophen im Rahmen des Graduiertenprogramms für interdisziplinäre Ethikforschung der Universität Zürich wurde die Relevanz eines derartigen empirischen Ansatzes für die Moralphilosophie fortlaufend überprüft und verbessert. Die Forschungsergebnisse wurden/werden in vier bis fünf Artikeln publiziert:
Die Evolution von Futterteilen bei Primaten: Mittels phylogenetischen Analysen bei 68 Primatenarten untersucht diese Studie die Bedingungen, unter denen Futterteilen auftritt. Die wichtigsten Faktoren, welche die Evolution von Futterteilen bei Primaten erklären, sind die Möglichkeiten, andere Gefälligkeiten auszutauschen und die dafür nötige gegenseitige Toleranz. So teilen Männchen verschiedener Arten untereinander, wenn sie auch auf gegenseitige Unterstützung bei Rangstreitigkeiten angewiesen sind.
Futterteilen bei Schimpansen und Bonobo: Beobachtungen und Experimente zum Futterteilen bei diesen uns nächstverwandten Arten zeigten, dass Teilen und der Austausch von Gefälligkeiten vor allem ein Ausdruck von Toleranz sind, wie sie zwischen Verwandten oder "Freunden" vorkommt. Sie sind also nicht berechnend und beruhen nicht auf unmittelbarer Belohnung oder Bestrafung. Die Bedingung für solche Toleranz ist ein relativ egalitäres Sozialsystem.
Die Psychologie von Kooperation bei Menschen und Primaten: Dieser Review-Artikel bietet einen Überblick über Studien zu prosozialem Verhalten bei Menschen und Primaten. Es wird gefolgert, dass Menschen sich in einigen Aspekten der Psychologie von ihren nächsten Verwandten unterscheiden, insbesondere ist prosoziales Verhalten oft spontaner und die Empfindlichkeit für äussere Reize wie Anzeichen von Bedürfnis beim Empfänger ist grösser.
Psychologischer Altruismus bei Tieren?: Dieser Artikel vergleicht biologische und philosophische Konzepte von Altruismus und versucht, die philosophischen Konzepte auf Tiere anzuwenden. Da letztere sich auf Handlungsmotivationen beziehen, wurden beobachtbare Kriterien erarbeitet, deren Erfüllung Rückschlüsse auf eventuelle Motivationen zulassen sollten, sofern die Tiere gewisse psychologische Grundbedingungen erfüllen. Unter diesem Gesichtspunkt werden verschiedene Arten verglichen mit dem Fazit, dass psychologischer Altruismus im menschlichen Sinne wohl eher selten vorkommt.
Das Forschungsprojekt zeigte, dass Menschen sich doch mehr als erwartet von ihren nächsten Verwandten unterscheiden. Dies lässt den Schluss zu, dass viele Aspekte der Moral (obwohl in Ansätzen bereits vorhanden) sich erst spät in der menschlichen Evolution entwickelt haben, wahrscheinlich durch den neuen Lebensstil des Jagens und Sammelns.

Des Weiteren hat sich gezeigt, dass naturwissenschaftliche Konzepte von "Moral" oft schlecht definiert und/oder für Moralphilosophen nur begrenzt relevant sind. Wenn die Naturwissenschaften einen wertvollen Beitrag zur Moralphilosophie leisten wollen, müssen sie dies im Austausch mit Moralphilosophen tun.
     
R-109/04
R-110/05
R-111/06
 

R-109/04 Fr. 250'000.-; Anschlussgesuche: R-110/05 Fr. 200'000.-; R-111/06 Fr. 200'000.-
"Die Rolle der Emotion: Ihr Anteil bei menschlichem Handeln und bei der Setzung sozialer Normen"
Prof. Dr. Gerd Folkers, Collegium Helveticum, Zürich, Fr. 650'000.-

Innerhalb des Collegium Helveticum hat sich eine Kerngruppe von Experten aus den Disziplinen Chemie, Geschichte, Ingenieurwissenschaften, Literaturwissenschaften und Kommunikation, Medizin, Neurowissenschaften, Ökonomie, Pharmazie und Religionsphilosophie (so genannten Fellows - je drei Professoren von Universität Zürich und ETH Zürich) zum Ziel gesetzt, über eine Synthese der Erfahrungen und Resultate aus ihren Einzeldisziplinen die generelle Fragestellung der Rolle von Emotion bei menschlichem Handeln und deren Bedeutung für die Setzung sozialer Normen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Im Fokus standen fünf Disziplinen übergreifende Themen:

a)    Ursprung der Emotionen
b)    Einübung von Emotionen
c)    Anatomie der Emotionen
d)    Auswirkungen der Emotionen und
e)    Kulturelle Ausdrucksformen und Darstellungen von Emotionen.

Zu den Themenbereichen sind im Projektverlauf eine Vielzahl von Originalarbeiten in referierten Zeitschriften und Büchern, sechs Dissertationen und eine Habilitation entstanden. Weitere Habilitationen und Dissertationen stehen vor dem Abschluss:
http://www.collegium.ethz.ch/de/publikationen.

Im Weiteren sind innerhalb der Reihe «Edition Collegium Helveticum» drei das Projekt reflektierende Publikationen erschienen:
Schmerz (Bd. 4: 2. Quartal/2007);
Gefühle zeigen (Bd. 5: 1. Quartal/2009);
Pragmatik der Gefühle (Bd. 5: 4. Quartal/2009).
Ein weiterer Band mit dem Titel «Zur Empirie der Emotionen» erscheint im Herbst 2010. Der Radiojournalist, Autor, Kolumnist, Biograph und Moderator Hans-Peter Gschwend (DRS 2) wird als Aussenansicht anhand einer literarischen Figur eine Synthese der ersten Fellowperiode (2004-2009) in Erzählform vornehmen. Der Band schliesst zusammenfassend und überblickend die Fellowperiode zur Thematik Emotion ab. Weitere Publikationen im Rahmen des Emotionsprojektes wurden in der Reihe Collegiumshefte veröffentlicht:
Die Scham in Philosophie, Kulturanthropologie und Psychoanalyse (Nr. 2: G. Schönbächler);
Der Emotionsbegriff in den psychotherapeutischen Schulen (Nr. 6: G. Schönbächler);
Melancholie zwischen Pathologisierung und Idealisierung (Nr. 8: G. Schönbächler);
Studien zur Androgynie (Nr. 9: M. Usteri).
Als vielleicht wesentlichstes Ergebnis des Projekts kann der Umstand betrachtet werden, dass die Fellows sich entschlossen haben, zusammen mit Wissenschaftlern aus dem Collegium und Forschungsgruppen ausserhalb des Collegiums zwei gemeinsame Forschungsanträge an den Schweizerischen Nationalfonds auf interdisziplinäre Forschungsförderung zu stellen. Der Entschluss entsprang dem Wunsch, weiterhin an der in der transdisziplinären Diskussion gefundenen Thematik zu arbeiten und die dafür nötige Finanzierungsmöglichkeit zu finden. Das Projekt mit dem Titel «Vertrauen verstehen: Grundlagen, Formen und Grenzen des Vertrauens» wird vom Schweizerischen Nationalfonds für drei Jahre mit einem Betrag von Fr. 800'000.- unterstützt.
Eine direkte Umsetzung von Ergebnissen aus dem Projekt «Emotionen» liefert die «Painmouse®», ein Gerät zur Schmerzmessung bei Patienten, basierend auf der Messung des Händedrucks. Die heute üblichen Methoden, Schmerzen zu erfassen, sind visuelle Schmerzskalen oder Schmerzfragebögen. Beide sind nicht in der Lage, Schmerz in Echtzeit und in seinem Verlauf zu messen. Die Patentschrift wurde nach Etablierung eines Lizenzvertrages mit dem VP Forschung der ETH Zürich von der Firma Msys AG, Zürich, am 28. Dezember 2009 niedergelegt. Msys hat den Prototyp gebaut und wird die technische Entwicklung übernehmen. Nach einer Reihe von Studien mit Schmerzpatienten besteht von Seiten der Medizintechnik grosses Interesse an einer praktischen Einführung des Gerätes. Erste Kooperationen, z. B. mit dem Stadtspital Triemli, sind in Vorbereitung.
Zudem haben sich aus dem Emotionsprojekt eine Reihe von Folgeprojekten entwickelt, wie beispielsweise das Kooperationsprojekt Zentrum für Religion, Recht und Wirtschaft der vier Universitäten Basel, Lausanne, Luzern und Zürich sowie des Collegium Helveticum, das die strukturellen Voraussetzungen für ein gemeinsames Exzellenzzentrum mit nationaler und internationaler Ausstrahlung schaffen will.

     
S-120/06   "Neurodidaktik der Fremdsprachen"
Manuela Macedonia, MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, Fr. 77'500.-

In der Vergangenheit wurde mehrfach experimentell belegt, dass die Memorierung verbaler Information mittels begleitender symbolischen Gesten gesteigert wird. Ungeklärt ist die Frage, ob die Steigerung mit der Art der Geste zusammenhängt oder durch erhöhte Aktivität in Gehirnregionen bewirkt wird, die beides, Gesten und Sprache, verarbeiten (Gentilucci & Dalla Volta, 2008, Q J Exp Psychol, 61, 944-57). Im Verhaltensexperiment lernten 33 deutschsprachige Probanden Vokabeln aus einer Kunstsprache, welche nach phonotaktischen Regeln des Italienischen zu Experimentalzwecken konstruiert wurde. Den Vokabeln wurde durch die Übersetzung ins Deutsche eine Bedeutung zugewiesen. Zweiundneunzig konkrete Substantive entstanden wie: Tisch, Fenster, usw.
Die Hälfte der Vokabeln wurde während des Trainings an symbolische, die andere Hälfte an bedeutungslose Gesten gekoppelt. Probanden hörten das Wort in der Fremdsprache und betrachteten ein Video, das die jeweilige Geste und im Untertitel das geschriebene Wort in beiden Sprachen zeigte. Die Probanden lasen das Wort in der Fremdsprache laut vor und imitierten die Geste.



Das Training dauerte täglich zwei Stunden während fünf Tagen. Die Behaltensleistung der Probanden wurde ab dem zweiten Trainingstag mittels Übersetzung vom Deutschen in die Fremdsprache und umgekehrt getestet. Die Resultate des Verhaltensexperiments belegen, dass symbolische Gesten die Memorierung von Vokabeln einer Fremdsprache signifikant steigern im Vergleich zu bedeutungslosem „büffeln“.

Während des Magnetresonanzexperiments wurden den Probanden die 92 gelernten Vokabeln in der Fremdsprache schriftlich und akustisch präsentiert. Vokabeln, die an bedeutungslose Gesten gekoppelt waren, verursachten Gehirnaktivität in einem ausgedehnten Netzwerk, das auf Inkongruenz zwischen Wort und Geste, auf Integrationsprozesse bzw. Unterdrückung inkongruenter Information hinweist. Wörter, die mittels symbolischer Gesten gelernt wurden, verursachten Veränderungen im Blutfluss im prämotorischen Kortex in beiden Hemisphären.



Durch die Ergebnisse aus beiden Experimenten kann ausgeschlossen werden, dass Steigerungen in der Memorierung verbaler Information lediglich von erhöhter Aktivität in Gehirnregionen abhängen, in denen Gesten und Sprache verarbeitet werden. Vielmehr sind die Resultate eher Beleg für die Existenz sensomotorischer Netzwerke, welche Sprache und Gestik verbinden. Demnach steigern Gesten die Memorierung von Vokabeln in der Fremdsprache, wenn sie zugrunde liegenden Repräsentationen der Wortsemantik entsprechen.

     
T-120/08  

"Kopieren: Diebstahl geistigen Eigentums oder eine Form des Kompliments?"
PD Dr. Gerald Kerth, Universität Zürich, Dr. Alfred Köpf, Rentsch & Partner Fr. 12'000.-

Vom 5. bis 7. Februar 2009 fand das interdisziplinäre Symposium an der Universität Zürich statt. Ziel war mit internationalen Referenten aus Anthropologie, Biologie, Kunst und dem gewerblichen Rechtsschutz der Frage nachzugehen, was Kopieren alles bedeuten kann und ob es allenfalls sogar von Vorteil sein kann kopiert zu werden.

Die Veranstaltung begann mit einem öffentlichen Symposium mit den eingeladenen Rednern:

  • Peter Schweiger, Freier Regisseur, Zürich "Pardon, Monsieur, but we call that homage"
  • Carel van Schaik, Universität Zürich "How imitation began: The evolution of social learning"
  • Thomas Hoeren, Universität Münster "Copy culture and copyright law – What do Charles Dickens and the EU Copyright law tell us about the copy problem?"
  • Luc-Alain Giraldeau, Université du Québec à Montréal, Canada "Copying: A game approach to exploring its consequences for individuals and groups"
  • Louis Lefebvre, McGill University, USA "Innovate, copy, or both?"
  • Emanuel Meyer, Institut für Geistiges Eigentum Bern "Copying as a basis for public welfare"
  • Johanna Mappes, University of Jyväskylä, Finnland "Mimicry, the phenotypic imitation powered by natural selection"

Die verschiedenen Blickwinkel auf das Thema, die im Verlauf der Vorträge und der anschliessenden Podiumsdiskussion sichtbar wurden, führten zu einer lebhaften Diskussion zwischen den Vortragenden und dem zahlreich anwesenden Publikum.

Im Anschluss an das öffentliche Symposium fand ein zweitägiger Workshop statt in welchem aus Sicht der Anthropologie, Biologie und Psychologie das Thema "Kopieren" weiter vertieft wurde. Dazu waren zusätzliche Forschende aus dem In- und Ausland eingeladen, die in insgesamt 13 Vorträgen eigene Arbeiten zum Kopieren vorstellten. Auch dieser Workshop generierte eine Vielzahl angeregter Diskussionen und erlaubte neue Einblicke in ein hoch aktuelles Thema von interdisziplinärem Interesse das in der Öffentlichkeit zu Unrecht fast ausschliesslich negativ belegt ist.

     
R-111/08   

"Der affektive Stachel – Psychochirurgie nach dem Zweiten Weltkrieg"
Dr. Marietta Meier, Collegium Helveticum, Zürich Fr. 67'042.-

Psychochirurgische Eingriffe, d.h. chirurgische Eingriffe am Gehirn aufgrund einer psychiatrischer Indikation, waren bis etwa 1970 vor allem Leukotomien - eine Operation, bei der man mit einem Schnitt durch das weisse Hirngewebe Verbindungen zwischen Frontalhirn und Thalamus durchtrennte. Das 1935 entwickelte Verfahren wurde ab 1942 in zahlreichen Ländern verbreitet. In den deutsch- und französischsprachigen Ländern führte man die Leukotomie oder Lobotomie nach dem Ende des 2. Weltkriegs ein und wandte sie bis in die 1950er Jahre, in einzelnen Kliniken bis zu Beginn der 1970er Jahre an. Operationen am Gehirn stellten in den Augen der meisten zeitgenössischen Psychiater die risikoreichste und einschneidendste Therapie in ihrer Disziplin dar, weil sie die Persönlichkeit der Betroffenen veränderten und schwere körperliche Nebenwirkungen haben konnten. Die Ärzte glaubten in der Regel nicht, dass sich mit dem neuen Behandlungsverfahren die eigentliche psychische Störung heilen lasse. Sie hofften jedoch, bestimmte Symptome zu beseitigen oder wenigstens zu mildern und auf diese Weise der Krankheit - so die beliebte zeitgenössische Metapher - ihren "affektiven Stachel" zu nehmen.

Die Analyse des internationalen Leukotomie-Diskurses sowie der psychochirurgischen Praxis in verschiedenen psychiatrischen Kliniken der Schweiz hat gezeigt, dass die Metapher des "affektiven Stachels", die in erster Linie dazu dienen sollte, ein bisher unbekanntes Phänomen anschaulich zu beschreiben, mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Modellen und Theorien zusammenhing sowie soziale Dimensionen und Funktionen aufwies. Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass der "Stachel" schwerer, unheilbarer psychischer Krankheiten an ganz verschiedenen Orten steckte: Die Psychochirurgie stand zum einen in einem spezifischen wissenschaftlichen Kontext. Sie stellte ein "Massenexperiment" dar, das die Gelegenheit bot, bei einer grossen Zahl von Menschen die körperlichen und psychischen Veränderungen zu untersuchen, die sich nach einer - im Vergleich zu Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns - genaueren und selektiveren Läsion feststellen liessen. Die psychochirurgische Forschung hoffte einerseits, verschiedene theoretische Fragen wie zum Beispiel die Wirkungsweise des Eingriffs zu erklären und damit einen Beitrag zur Hirnforschung zu leisten. Andererseits verfolgte sie das Ziel, bessere Operationsmethoden zu entwickeln und die Indikationsstellung zu präzisieren. Auf diese Weise sollte der Stachel des Nichtwissens gezogen werden, der für die Psychochirurgie nicht zuletzt wegen ihrer Umstrittenheit eine Hypothek darstellte.

Zum anderen stand die Psychochirurgie in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang. In der Nachkriegszeit litten die psychiatrischen Anstalten unter finanziellen Restriktionen, starker Überbelegung und Personalmangel. Unter diesen Umständen bot die Leukotomie eine einfache, kostengünstige Lösung für den finanziellen Stachel, den schwer pflegebedürftige, chronisch Geisteskranke bedeuteten. Gleichzeitig wirkte sie den Problemen entgegen, die diese Patienten innerhalb der Klinik bereiten konnten. Für die Angehörigen und Rechtsvertreter der Kranken, die fast immer in den Eingriff einwilligten, war die Psychochirurgie vor allem ein Mittel gegen den Stachel der Hoffnungslosigkeit. Dass der Stachel psychischer Krankheiten eine gesellschaftliche Dimension aufwies, zeigt sich auch an der Tatsache, dass etwa doppelt so viele Frauen wie Männer einem psychochirurgischen Eingriff unterzogen wurden. "Laute", "aggressive" Patientinnen störten in den Augen der Psychiater und der Pflegerinnen den Anstaltsbetrieb mehr als "unruhige" Patienten, sie galten schneller als behandlungsbedürftig und therapieresistent und wurden deshalb auch häufiger leukotomiert.

Angesichts dieser Ergebnisse drängt sich die Frage auf, in welchem (historischen) Kontext die Neurowissenschaften heute stehen. Die Idee, Geisteskranke einer Hirnoperation zu unterziehen, setzt ein bestimmtes Menschenbild voraus und wirkt gleichzeitig auf dieses zurück. Die Resultate des Projekts zeigen, dass zwischen dem Menschenbild einer Gesellschaft, naturwissenschaftlicher Forschung und der Entwicklung und klinischen Anwendung einer Behandlungsform wechselseitige Zusammenhänge bestehen. Die Studie trägt somit in zweifacher Hinsicht dazu bei, den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu überbrücken: Sie stellt ein naturwissenschaftliches Phänomen aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive dar und zeigt die historische und die gesellschaftliche Dimension der aktuellen Neurowissenschaften auf.

     
P-121/08  

"Time machine"
Béatrice Barton, Yariv Friedman, BBD Polymedia Vésenaz, Fr. 25'000.-

Zur Inbetriebnahme des Large Hadron Collider (LHC) am CERN produzierten Béatrice Barton  (Télévison de la Suisse Romande) und Yariv Friedmann, freischaffender Filmemacher am Beispiel von "Atlas", einem der riesigen Detektoren des LHC einen Film, der wissenschaftliche und menschliche Aspekte des einmaligen Experiments beleuchtet. Leitfiguren sind George Mikenberg, einer der Projektleiter, Fabiola Giannotti, Vizedirektorin des Atlas-Projekts und John Ellis, ein aussenstehender Physiker. Es kommen aber auch andere zu Wort: Junge Forscher, Arbeiter, eine indische Anthropologin.
Der Film beantwortet Fragen aus wissenschaftlicher Sicht: Warum gibt man Milliarden aus, um (vielleicht) das Universum und seine Anfänge besser zu verstehen? Was bringt das für das tägliche Leben? Die Antwort im Film: "Die Freude an der Erkenntnis". Er zeigt aber auch die menschliche Seite der Forschung: Wie bringt man Tausende von Wissenschaftern dazu, an einem solchen Projekt zu arbeiten und ihre persönlichen Ambitionen hintan zu stellen? Wie funktioniert ein solch gigantisches System aus Wissen, Wollen und Können?
Der Film erschien in zwei Versionen: eine 52-minütige TV-Version und eine Kinoversion von 80 Minuten. Am 21. Oktober 2008 organisierte das Generaldirektorium der Europäischen Forschungskommission in Brüssel zusammen mit der Eurovision SA. eine Medienkonferenz zur Vorstellung und Visionierung des Films für Journalisten aus Deutschland, Belgien, Holland und Frankreich.
Der Film wurde an verschiedenen Film Festivals weltweit (Kolumbien, Russland, Israel, Chile, Österreich, Frankreich) gezeigt sowie an speziellen Wissenschaftsfilmfestivals in Ungarn und Griechenland.
An zahlreichen europäischen Fernsehstationen wurde er mehrmals ausgestrahlt.

  •  RTBF1 (Belgien) - 16.10.2008, 19.10.2008, 17.03.2009
  • YLE (Finnland) - 19.11.2008, 21.11.2008, 3.2.2009
  • ERT (Griechenland) - 24.11.2008, 8.12.2008, 13.4.2009
  • TSR2 (Schweiz) 8. März 2010)

Der Film wurde im August 2009 auch in der Zeitschrift "Physics World" besprochen.
Die positiven Reaktionen des Publikums zeigen, dass es den Filmemachern gelungen ist, die Passion von Forschern für Grundlagenforschung zu vermitteln und so hilft, ein besseres Verständnis für die Denkweise der Naturwissenschaften  in der Öffentlichkeit zu erreichen.

     
T-136/08  

"Cosmic Enthusiasm: The cultural impact of space exploration on the Soviet Union and Eastern Europe"
Prof. Monika Rüthers, Dr. Carmen Scheide, Julia Richers, Eva Maurer, Universitäten Basel und Fribourg Fr. 3'300.-

Die Konferenz fand vom 22.-24. Januar 2009 in Basel statt. Sie untersuchte die Einflüsse des sowjetischen Raumfahrtprogramms auf die sowjetische und osteuropäische Kultur seit den 1950er Jahre. Insgesamt 21 Referenten aus zahlreichen europäischen Ländern und Nordamerika beleuchteten so unterschiedliche Themen wie:

  • Motiv des Kosmonauten in der estnischen Kunst während und nach der sowjetischen Herrschaft (Anneli Porri);
  • Einfluss des Kosmosfiebers und besonders der ersten Kosmonautin Valentina Tereškova auf die Berufswahl sowjetischer Mädchen (Roshanna Sylvester);
  • Die sowjetischen Science-Fiction-Filme des Regisseurs Pavel Klušancev (Cathleen Lewis);
  • Der Umgang Jugoslawiens mit sowjetischen Kosmonauten und amerikanischen Astronauten (Radina Vučetic).

Den Beiträgen der beiden Referenten Asif Siddiqi und Slava Gerovitch, deren Einladung die cogito foundation übernommen hatte, kam dabei eine eigentliche Schlüsselstellung zu: Asif Siddiqi verdeutlichte in seinem Beitrag, wie die schon fast paranoide Züge tragende Geheimhaltungspolitik der sowjetischen Behörden dazu führte, dass in den ungezählten Berichten über und in den Interviews mit den Raumfahrthelden selbst trivialste Details der Weltraumfahrt nicht genannt werden durften, womit der Mythisierung des Weltraums und der Raumfahrt Vorschub geleistet wurde, anstatt das Interesse für die zugrundeliegende Technologie zu wecken. Slava Gerovitch wiederum zeigte in seinem Referat über den - zum Teil selbst mitkonstruierten - Mythos rund um den "Vater des Raketenantriebs", Sergej Korolev auf, wie sich unterschiedliche "communities of memory" innerhalb der sowjetischen Raumfahrtswissenschaft entwickelten, wie individuelle und kollektive Narrative sich verflochten und welchen Einfluss diese bis heute auch auf die Beurteilung der sowjetischen Raumfahrtsgeschichte haben. Die Interdisziplinarität der Tagung wurde von den Teilnehmenden einstimmig als sehr fruchtbar empfunden, gerade auch bei den verschiedenen Zugriffen auf die Visualität der Raumfahrtkultur. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema endete in einer angeregten Schlussdiskussion. Eine Auswahl der Tagungsbeiträge wird in überarbeiteter Form 2011 bei Palgrave Macmillan erscheinen.
www.spacecultures.net

     
T-137/08  

Symposium: "Understanding Violence - Recent advances on biology, sociology and modeling"
Prof. Carmen Sandi, EPFL Lausanne, Fr. 9'000.-

Das vom Laboratorium für Verhaltensgenetik im Brain and Mind Institute organisierte Latsis-Symposium zum Phänomen "Gewalt" fand vom 11.-13. Februar 2009 an der EPFL statt.
Die Konferenz mit 250 Teilnehmenden bestand aus sechs "Mini-Symposien". Unter den Vortragenden waren 23 führende Persönlichkeiten aus aller Welt. Daneben fand eine Poster Session statt, die über 50 Posters umfasste, sowie eine Diskussion am runden Tisch mit dem Titel „Gewalt bekämpfen“, an der sich sechs Experten beteiligten, die direkt mit Gewaltproblemen befasst sind. Einige der Kernaussagen der Konferenz sind:

  • In den ersten Lebensjahren sollten Kinder lernen, ihre - in diesen frühen Jahren natürliche - Aggressivität zu unterdrücken. Sie lernen dies am besten durch Sozialisierung.
  • Genetische Faktoren beeinflussen die Neigung der Individuen, im späteren Leben unterschiedliche Formen aggressiven Verhaltens zu entwickeln. Zur Zeit sind Gene identifiziert im Zusammenhang mit der Funktion und dem Metabolismus von Catecholaminen (insbesondere Serotonin) sowie Gene, die für Peptide codieren, welche in im Verhalten eine Schlüsselrolle spielen wie Vasopressin und Oxytocin.
  • Lebenserfahrung und insbesondere frühe Stresserlebnisse sind entscheidend für die Milderung der genetischen Neigung zu Aggression.
  • Stress wurde als besonders wichtiger Faktor in der Entwicklung von Aggression hervorgehoben.
  • Eine gute Beschreibung und Klassifizierung der verschiedenen Arten von Aggression (zum Beispiel proaktive gegenüber reaktiven Aggression oder instrumentale gegenüber impulsiver Aggression) ist entscheidend für Fortschritte im Verständnis der biologischen Grundlagen dieser Zustände wie auch für die Entwicklung von Behandlungsmethoden.
  • Die Selektion förderte die Aggression wegen ihres hohen Nutzens bei Auseinandersetzungen mit andern Individuen und sie enthält eine Belohnungskomponente die zur Steigerung der Aggression führen kann und die eine suchtähnliche Problematik zeigt.
  • Aus epidemiologischer Warte gesehen korreliert soziale Ungleichheit mit erhöhter Gewalt.
  • Die Beachtung des unmittelbaren Zusammenhangs, in dem Gewalt geschieht liefert wichtige Einsichten über die Auslösung der Aggression.
  • Unbeteiligte können stark beeinflussen, wozu die Gewalt am Ende führt.
  • Gegenwärtig versucht man mit Hilfe von Modellen die Dynamik dominanter Hierarchien und gewalttätigen Sozialverhaltens zu verstehen.
  • Neue Techniken wie virtuelle Realität und Analyse von Videoaufnahmen können helfen, das Gewaltphänomen aus einem psychosozialen Blickwinkel zu untersuchen.

Eine Sondernummer zum Thema "Understanding Violence" (Gewalt verstehen) mit Beiträgen der Referenten der Konferenz und anderen Teilnehmenden ist in der Zeitschrift "Frontiers in Behavioral Neuroscience" erschienen.

http://www.frontiersin.org/neuroscience/behavioralneuroscience/specialtopics/15/
     
     
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