the cogito foundation
 
  Schlussberichte 2010   (Last Update: 25.02.2011)
   
 
S- 129/07  

"Evidenz, Wahrscheinlichkeit und Evolution - Eine philosophische Untersuchung des Evidenzbegriffs in der molekularen Phylogenetik"
Bengt Autzen, London School of Economics (LSE), London, Fr. 79'860.-

Die Dissertation untersuchte den Evidenzbegriff in der molekularen Phylogenetik. Die molekulare Phylogenetik hat zum Ziel, Stammbäume basierend auf molekularen Daten zu rekonstruieren. Zum Beispiel gelten heute DNA Sequenzdaten als Evidenz für die These, dass Schimpansen enger mit Menschen verwandt sind als mit Gorillas. Das Konzept der Evidenz spielt eine zentrale Rolle sowohl in der Erkenntnistheorie als auch in der Wissenschaftsphilosophie. In der Erkenntnistheorie wird Evidenz als Voraussetzung für Wissen angesehen, während es in der Wissenschaftsphilosophie in enger Verbindung zu Theorien der wissenschaftlichen Bestätigung steht. Die Untersuchung des Evidenzbegriffs in einer spezifischen wissenschaftlichen Disziplin wie der molekularen Phylogenetik, hat daher Implikationen für allgemeinere Debatten in der Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie.
Die Suche nach einem adäquaten Evidenzbegriff für die molekulare Phylogenetik hat sowohl einen deskriptiven als auch einen normativen Aspekt. Sie ist deskriptiv in dem Sinne, dass der Evidenzbegriff möglichst nahe an der wissenschaftlichen Praxis verortet sein sollte. Sie ist normativ, indem bestimmte a priori Kriterien für einen adäquaten Evidenzbegriff postuliert werden. Insbesondere wird in der philosophischen Literatur häufig vorausgesetzt, dass das Evidenzkonzept zwei Kriterien zu erfüllen hat. Erstens muss der Evidenzbegriff auf eine bestimmte wissenschaftliche Disziplin anwendbar und zweitens muss ein solcher Begriff objektiv sein.
Da zur Stammbaumrekonstruktion eine Reihe statistischer Methoden eingesetzt werden, liegt es nahe, wahrscheinlichkeitstheoretische Theorien der Evidenz zu Rate zu ziehen, wie sie von Statistikern verschiedener Schulen (d.h. "Bayesianern", "Likelihoodisten" und "Frequentisten") postuliert werden. Die Dissertation legt dar, dass der Evidenzbegriff des "Likelihoodismus" für Modellselektionsprobleme, wie zum Beispiel das Problem der Stammbaumrekonstruktion, ungeeignet ist. Während "Bayesianer" über einen anwendbaren Evidenzbegriff verfügen, ist die Objektivität dieses Begriffs durch das Problem der a priori Wahrscheinlichkeiten wissenschaftlicher Hypothesen unterminiert. Insbesondere wird gezeigt, dass die Rolle von Hypothesen über den Prozess der molekularen Evolution, die Anwendung Bayesianischer Konvergenztheoreme verhindert. Von diesem negativen Resultat ausgehend wird erläutert, wie die a priori Wahrscheinlichkeiten von Stammbäumen mittels des Prinzips der direkten Wahrscheinlichkeit bestimmt werden können, und es wird eine Interpretation des Wahrscheinlichkeitsbegriffs für diese Wahrscheinlichkeiten vorgeschlagen. Zudem wird argumentiert, dass - idealerweise - frequentistische Methoden zur Untersuchung von Modellen der molekularen Evolution eingesetzt werden sollten. Zugleich wird jedoch gezeigt, dass die derzeit verfügbaren molekularen Daten eine weitreichende Anwendung dieser Techniken verhindern und ein Vorschlag unterbreitet, wie dieser Defekt ansatzweise behoben werden kann.

Die Dissertation kommt zu dem Schluss, dass derzeit keine der drei wahrscheinlichkeitstheoretischen Begriffe der Evidenz sowohl das Kriterium der Anwendbarkeit als auch das der Objektivität in dem Kontext der molekularen Phylogenetik erfüllen. Der derzeitige Evidenzbegriff in der molekularen Phylogenetik erfüllt nur einen abgeschwächten Objektivitätsbegriff. Zum Beispiel kann das Bayesianische Konzept der Evidenz angewandt werden, gemäss den Aussagen wie "DNA Sequenzdaten sind Evidenz dafür, dass Schimpansen enger mit Menschen verwandt sind als mit Gorillas" korrekte Systematisierungen darstellen, basierend auf unseren Hintergrundannahmen über Prozesse der molekularen Evolution. Es wird gezeigt, dass selbst dieser schwächere Evidenzbegriff es erlaubt, methodologische Schlussfolgerungen für die Stammbaumrekonstruktion zu ziehen.
     
R-116/08  

"Observing, understanding, and perceiving climatic changes: A historical case study of the «year without summer» 1816"
Profs. Stefan Brönnimann, neu Universität Bern, Gertrude Hirsch Hadorn, IED, ETHZ, Helmut Weissert, ERDW, ETH Zürich, Fr. 83'007.-

In Europa und Nordamerika gilt der Sommer 1816 als einer der kältesten und regnerischsten in der Geschichte, bekannt als "Jahr ohne Sommer" (JoS). Ernteausfälle führten zur letzten Hungersnot in Mitteleuropa (die Schweiz war besonders stark betroffen). Das Projekt untersuchte anhand des JoS 1816, wie sich die Vorstellung und Begrifflichkeit von "Klimaschwankungen" (climatic changes) entwickeln konnte. Dabei wurde die Rolle der meteorologischen Beobachtungen, wissenschaftlichen Theorien, der öffentlichen Wahrnehmung und Erwartungen sowie der religiösen Überzeugungen angesprochen. Ein interessantes Merkmal des JoS 1816 ist, dass die Wissenschaft dafür keine Erklärung hatte. Deshalb wurde nicht nur die Situation von 1816 betrachtet, sondern auch die Entwicklung in der Wissenschaft über die Zeit. Obwohl das JoS 1816 heute meist mit dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien 1815 in Verbindung gebracht wird, sind die Mechanismen noch nicht gut verstanden. Am JoS 1816 besteht deshalb auch ein naturwissenschaftliches Interesse aus heutiger Sicht (beispielsweise im Zusammenhang mit der "Geoengineering-Debatte). Zudem wurden digitalisierte historische Wetterdaten untersucht, Informationen von natürlichen Klimaarchiven gesammelt und ein globales Chemie-Klimamodell (das an ein 2-dimensionales Aerosolmodell gekoppelt wurde) verwendet, um die Prozesse während des JoS zu untersuchen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit analysierte Möglichkeiten und Grenzen von fundamentalen Verschiebungen in den Vorstellungen, Theorien und Methoden, welche mit grundlegenden Innovationen im wissenschaftlichen Verständnis einhergehen.
Tambora 1815 gilt als "Experiment de Natur". Analysiert wurde die Reaktion der wissenschaftlichen Welt und der öffentlichen Kommunikation am Beispiel der Schweiz. Das JoS fällt in eine historisch interessante Periode. Aufklärerisches Gedankengut ist in der städtischen Bevölkerung schon verbreitet, aber religiöse Interpretationen und Aberglaube sind in der allgemeinen Bevölkerung immer noch tief verankert. Einige Zweige der Wissenschaft wie die Geologie waren prominent, andere wie die Meteorologie waren noch kaum existent. Wir untersuchten die Reaktionen auf das "Experiment der Natur" anhand historischer Literatur, einem Tagebuch und einer systematischen Analyse des Inhalts zweier Zeitungen. Es zeigt, dass die unmittelbare Reaktion der Wissenschaft eher schwach ausfiel. Es gab keine "scientific community", die sich diesem Thema angenommen hatte. Die Wissenschaft äusserte sich nur, um vorhandenen, unwissenschaftlichen Spekulationen zu entgegnen (z. B. Sonnenflecken, Blitzableiter). Der Fokus lag auf der Bewältigung der Folgen.
Trotzdem hatte das JoS 1816 anhaltende Folgen für die Wissenschaft. Diese erwuchsen jedoch eher aus einer Verstärkung bereits vorhandener Ideen in existierenden "communities", die bereit waren, das "Experiment der Natur" als Gelegenheit zu nutzen. Die neue "Allgemeine Schweizerische Gesellschaft für die gesamten Naturwissenschaften" lancierte 1817 eine Preisaufgabe mit dem Thema, ob sich das Klima der hohen Alpen tatsächlich verschlechtert habe. Das Thema wurde schon im Zusammenhang mit Gletscherveränderungen diskutiert, fand aber jetzt die Unterstützung durch die Kommission. Die Ausschreibung schloss die Teilnahme der Meteorologie mehr oder weniger explizit aus, da lange Messreihen noch nicht vorhanden waren. Sie richtete sich eher an die Erdwissenschaften und die Naturgeschichte, was sich auch in den Eingaben spiegelte. Die ausgezeichnete Schrift spielte eine wichtige Rolle in der Entstehung der Eiszeittheorie. Der zweite Preis ging an eine forstwirtschaftliche Arbeit; ebenfalls ein aufstrebender Bereich der Wissenschaft. Die Wahrnehmung des JoS könnte zum Ausbau des meteorologischen Messnetzes beigetragen haben, weniger durch neue Fragestellungen als durch die Einsicht in die Unzulänglichkeit der Atmosphärenwissenschaften. Die ersten wissenschaftlichen Erklärungsversuche des JoS, welche zwei Jahre später erschienen - beispielsweise, dass der kalte Sommer in Westeuropa die Folge von im Atlantik driftenden Eismassen wären - können zumindest teilweise im Zusammenhang mit der Suche nach der Nordwestpassage gesehen werden. Also wiederum eine "community" mit eigenen Interessen, die bereit war, das JoS als Anstoss zu nutzen.
Auch noch heute hat das JoS einen Einfluss auf die Wissenschaft, sei es als "worst case" für natürliche Klimaschwankungen, als Studienobjekt für die Vorhersagbarkeit der Folgen von Vulkanausbrüchen oder als Fallbeispiel zur Bedeutung mikrophysikalischer Aerosolprozesse. Letzteres wurde im Projekt anhand von numerischen Simulationen erhärtet, welche zeigten, dass der Klimaeffekt eines grossen Ausbruchs wie Tambora nicht linear von der ausgestossenen Gasmenge abhängt.
Das Projekt wurde neben der cogito foundation auch durch einen Sonderbeitrag des Departements für Umweltwissenschaften der ETH sowie durch eigene Mittel und Drittmittel der Gruppen von Profs. Stefan Brönnimann und Gertrude Hirsch Hadorn unterstützt. Wichtig war auch die Zusammenarbeit mit Profs. Thomas Peter (Atmosphäre und Klima) und Christian Pfister. Insgesamt fanden drei Seminare mit eingeladenen Gästen statt, zehn Präsentationen an Konferenzen und es wurden fünf studentische Arbeiten verfasst. Das Projekt endete mit einer Schlussveranstaltung am 8. Mai 2010, an welcher auch der Präsident der cogito foundation teilnahm.

     
R-143/08  

"Entwicklung eines Masses für die Kohärenz von Wertesystemen"
Markus Christen, UFSP Ethik UZH, Thomas Ott, Inst. für Angewandte Simulation ZHAW Wädenswil, Fr. 20'000.-

Das Projekt hat angestrebt, den in zahlreichen geisteswissenschaftlichen Kontexten zentralen Begriff der „Kohärenz“ mittels Methoden der statistischen Physik und der computational linguistics zu operationalisieren und damit für empirische Forschungen in der Ethik nutzbar zu machen. Das Projekt war eingebettet in eine grössere Forschungsinitiative am Universitären Forschungsschwerpunkt Ethik der Uni Zürich im Bereich „empirische Erforschung von moral agency“. Der Beitrag der cogito foundation finanzierte das design-to-use der für dieses Projekt benötigten Instrumente (Clustering-Algorithmus und Distanzmass).

Folgende Ziele wurden im Rahmen des Projektes erreicht:

  • Kohärenzmass: Die Projektpartner entwickelten, basierend auf dem Konzept des selbstorganisierten Clustering, ein Mass für Kohärenz von belief systems, das zwei Dimensionen des Kohärenzbegriffs quantitativ erfasst: die Diversität von Untergruppen im System und die Stabilität des Systems unter einem generalisierten "Stress-Parameter". Das Mass wurde an einer (naturwissenschaftlichen) Konferenz vorgestellt und soll nun auch an einem internationalen philosophischen Workshop präsentiert werden. Das Konzept des Masses ist in den Konferenz-Proceedings publiziert worden. Es folgt eine weitere Publikation in einer grösseren interdisziplinären Zeitschrift sowie ein philosophischer Essay im Rahmen des Workshops.
  • Tool: Der direkt der cogito-Unterstützung zurechenbare Projektteil, das Clustering-Tool, ist erfolgreich programmiert worden und steht der scientific community als plattformunabhängige (Windows- und Linux-Umgebung) Freeware auf mehreren Webseiten als Download zur Verfügung. Gemäss Rückmeldungen wird das Produkt in der Tat auch von Dritten genutzt, so u.a. von einer US-Forschergruppe an der University of Virginia im Bereich Genomanalyse.
  • Anwendung in der Politologie: Das Kohärenzmass wurde in einer konkreten interdisziplinären Anwendung gemeinsam mit Politologen der Universität Bern (im Rahmen des so genannten Smartvote-Projekts) erfolgreich genutzt. Es ist gelungen, tiefere Einsichten in zwei Parteispaltungen (SVP und Grüne Partei) aufgrund unseres Kohärenzmasses unter Anwendung auf politische beliefs zu gewinnen. Die daraus entstandene Publikation wurde bei der Zeitschrift Party Politics eingereicht.
  • Weiterentwicklung 1: Der im ursprünglichen Forschungsplan beschriebene Teil "Modellbildung Überzeugungssystem" konnte mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht wie geplant realisiert werden, weil das Entwickeln eines Distanzmasses für Texte weit aufwendiger war als ursprünglich geplant und im Rahmen der normalen Anstellungen der Projektpartner nicht umgesetzt werden konnte. Nun hat sich in der Zwischenzeit eine Partnerschaft mit dem Institute for Information Management der Universität St. Gallen sowie einem im Bereich Innovationsmanagement tätigen Unternehmen ergeben, die an der gleichen Fragestellung interessiert sind. Dazu wird ein gemeinsames KTI-Projekt erarbeitet.
  • Weiterentwicklung 2: Im Rahmen der Konzeption des Distanzmasses ist auch der Algorithmus selbst weiter entwickelt worden. Mit den so genannten superparamagnetic maps steht ein neuartiges Visualisierungsinstrument für komplexe Datenräume zur Verfügung. Zurzeit wird ein Förderprojekt ausgearbeitet, um mit dieser Weiterentwicklung ein Instrument zur raschen Strukturierung medizinischer Publikationen zu gewinnen, das z.B. ärztlichen Praktikern ein besseres Verständnis aktueller medizinischer Forschung geben soll.

Beurteilung der Ergebnisse mit Blick auf die Zielsetzung der cogito foundation
Die cogito foundation hat das Ziel, die Verständigung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu fördern und Methoden und Konzepte der einen wissenschaftlichen Kultur für die jeweils andere nutzbar zu machen. Wie im Jahresbericht 2009 festgehalten, hat sich dieses Ziel in den ersten acht Jahren der Tätigkeit der Stiftung als „nur schwer erreichbar“ erwiesen, weil eine echte Zusammenarbeit zwischen den beiden Kulturen nur selten gesucht wird. Dieses Projekt wurde der Zielsetzung aus folgenden zwei Gründen gerecht:

  • Im Projekt haben je eine Person mit geisteswissenschaftlichem (Philosophie, M. Christen) und eine mit einem naturwissenschaftlichem Hintergrund (Physik, T. Ott) kooperiert, wobei ersterer auch vertiefte Kenntnisse in den Neurowissenschaften hatte, was der Zusammenarbeit sicher dienlich war.
  • Sie sind von einer Intuition der Physik ausgegangen (selbstorganisiertes Clustering) und haben damit ein Instrument geschaffen, das ein sozialwissenschaftliches Problem (Parteispaltung) einsichtiger gemacht hat.

Spaltpilz in den Parteien (382KB)

     
S-148/08  

"Systeme auf der Bühne, Friedrich Dürrenmatts Übertragung naturwissenschaftlicher Denkmuster in seine politische Theorie und seine Theaterstücke"
Patricia Käppeli, Prof. R. Käser, Universität Zürich, Fr. 76'715.-

Bis heute ist in der Forschung eine Vernachlässigung des soziopolitischen Diskurses Friedrich Dürrenmatts zu konstatieren: Einerseits wurden Dürrenmatt und sein Werk aufgrund seiner lebenslangen Weigerung, einer Partei beizutreten, von Kritik und Forschung oft vorschnell als apolitisch charakterisiert. Andererseits mag Dürrenmatts eigenwillige Aneignung des mathematischen Gesetzes der grossen Zahlen als Gleichnis für seine soziopolitischen Systemreflexionen den Zugang für die Literaturwissenschaft zusätzlich erschwert haben. Die nun vorliegende Forschungsarbeit gibt erstmals Einblick in Dürrenmatts Aneignung des mathematischen Gesetzes der grossen Zahlen, welches als Grundlage des soziopolitischen Diskurses betrachtet werden kann. Die Arbeit zeigt auf, wie sich der Schriftsteller auf Basis des mathematischen Gesetzes über mehr als drei Jahrzehnte hinweg mit Fragen zu Gesellschaft und Politik auseinandergesetzt hat: Seine Aneignung des Gesetzes der grossen Zahlen als Gleichnis für systemisches Denken hat sich dabei als Leitmotiv seines soziopolitischen Diskurses herauskristallisiert. Für das Verständnis der Aneignung erweist sich dabei auch Dürrenmatts Interesse an thermodynamischen, quantenphysikalischen und astronomischen Systemmechanismen von Bedeutung.
Die erstmalige Aufarbeitung des soziopolitischen Diskurses Friedrich Dürrenmatts ermöglicht es weiter, seine komplexen Gedanken zu rekontextualisieren. Es lassen sich dabei vielfältige Analogien zwischen Friedrich Dürrenmatts und Karl Poppers Reflexionen erkennen.
Die beiden Wissenskulturen werden jedoch nicht nur im soziopolitischen Diskurs Dürrenmatts miteinander verbunden: Auch über das Experiment gelingt diese Verknüpfung ein weiteres Mal. Der Begriff wird in Dürrenmatts Werk primär zur Bezeichnung literarischer Experimente verwendet. In Dürrenmatts Theaterexperimenten werden zudem auch immer wieder Versuchsanordnungen aus Politik, Sozialpsychologie, Humanmedizin oder Naturwissenschaft thematisiert. Dabei folgt Dürrenmatt dem explorativen Experimentbegriff von Ludwik Fleck. Ziel seiner literarischen Experimente ist es, neue Erkenntnisse zu generieren.
Somit können Friedrich Dürrenmatts soziopolitische Reflexionen sowie seine Verwendung des Experimentbegriffs als Spuren eines lebenslangen Dialogs zwischen der Naturwissenschaft und der Mathematik auf der einen sowie den Geistes- beziehungsweise Sozialwissenschaften auf der anderen Seite betrachtet werden. Damit gelingt es Friedrich Dürrenmatt in seinem Werk mehrfach, den Graben zwischen den beiden Wissenskulturen zu überbrücken.

     
F-151/08  

"Biotechnologie und Moralische Urteilsbildung im Schulzimmer"
Dr. Philipp Aerni, IED, ETH Zürich/ Collegium Helveticum, Zürich, Fr. 55'000.-

Das nationale Forschungsprojekt (NFP59) untersuchte, inwieweit konkrete Praxiserfahrung mit der grünen Gentechnik sowie eine allgemeine Einführung in die gentechnikbezogene Ethik und Sozioökonomie zu erhöhtem Interesse am Thema und zu einer selbstständigeren moralischen Urteilsbildung bei Schülern führen kann. Zu diesem Zweck wurden Informationstage mit jeweils drei Klassen an sechs Kantonsschulen durchgeführt (Davos, Altdorf, Aarau, Limmattal, Enge, Hottingen). Diese bestanden aus Präsentationen, Laborexperimenten, Übungen und Rollenspielen verteilt auf zwei Labortage und einen Ethiktag. Sie wurden in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften aus natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern durchgeführt. Diese konnten sich an einer 70-seitigen Dokumentation orientieren, welche speziell für dieses Projekt als Lehrmittel entwickelt wurde.
Ein Fellowship der cogito foundation ermöglichte es Frau Prof. Darcia Narvaez von der Notre Dame University in Indiana, USA, im Rahmen einer zweimonatigen Gastprofessur (Mitte Mai bis Mitte Juli 2009) am Collegium Helveticum in Zürich, aktiv an der Vorbereitung, Ausgestaltung und Durchführung der Schulinformationstage mitzuwirken. Frau Narvaez präsentierte zudem ihre eigene Forschung an den Symposien "Forschung verändert Schule" (5.6.2009) und "Moral und Angst" (23.5.2010), welche am Collegium Helveticum durchgeführt wurden. Von beiden Tagungen sind Sammelbände im Seismoverlag http://www.seismoverlag.ch/ und im Vandenhoeck & Ruprecht Verlag erschienen. http://www.v-r.de/de/Aerni-Gruen-Moral-und-Angst/t/1001006571/
Neben der Finanzierung der Gastprofessur von Darcia Narvaez, ermöglichte die Unterstützung der cogito foundation den erfolgreichen Abschluss der Datenanalyse, dank einer Verlängerung der Anstellung der Doktorandin Catherine Näpflin für die verbleibenden 5 Monate des Projekts (Mai-Oktober 2010). Die Analysen und Evaluationen der Schulinformationen führen zu folgenden Erkenntnissen:
Die Schülerinnen und Schüler empfanden die Labortage an der ETH Zürich, wie auch den Ethiktag an der Schule, mehrheitlich als spannendes Erlebnis bei dem sie aktiv experimentieren durften; nämlich mit Gentechpflanzen im Labor und mit verschiedenen Positionen zur grünen Gentechnik beim Rollenspiel am Ethiktag. Auch die Lehrkräfte konnten sich nach anfänglicher Skepsis für das Projekt begeistern und werden nun auch die Unterlagen für den normalen Schulunterricht verwenden. Die quantitativen Resultate des experimentellen Teils des Forschungsprojekts zeigen, dass sich das Wissen bei den Schülerinnen und Schülern in bezug auf Ethik, Sozioökonomie und Biotechnologie markant verbessert hat. Einzige Ausnahme bildet die alte Kantonsschule Aarau. An dieser Schule wurde die Information mehrheitlich negativ beurteilt und der Widerstand der Schüler führte dazu, dass kein zweiter Informationstag durchgeführt wurde. Im Gegensatz zu allen anderen Schulen, hat sich dort das Wissen nach der Intervention verschlechtert.
Die Analyse der Bewertungen der Moralskalen und der moralischen DIT (Defining Issues Test) Dilemmas vor und nach der Intervention zeigte, dass Hoffnung bezüglich der grünen Gentechnik mit der moralischen Selbstwirksamkeit korreliert, während die Skala "Sorge für andere" (concern for others) mit den Ängsten bezüglich der Risiken der grünen Gentechnik korreliert. Generell wurde sowohl vor, wie auch nach der Intervention mehrheitlich extrinsisch-objektiv argumentiert (z.B. was sind die Konsequenzen der Anwendung für die Gesellschaft als Ganzes?) und zugleich schien eine konventionelle Moral zu dominieren (Bezugnahme auf eine höhere moralische Instanz, meistens in Form von "man sollte"). Obwohl die Analyse der eigens für die Informationsvermittlung entwickelten Tugendethikskala eine signifikante Veränderung hin zu einem selbständigeren moralischen Urteil aufweist, wäre es dennoch verfrüht zu behaupten, dass sich solche Schulinformationen unmittelbar auf die moralische Argumentationsweise der Schüler auswirkt (die moralische Beurteilung der DIT Dilemmas vor und nach der Intervention blieb auf konventioneller Ebene; also eher fremd- als selbstbestimmt).
Das Projekt ist auch auf Medieninteresse gestossen. So berichtete das "Urner Wochenblatt" (28.10.2009) in einem ganzseitigen Artikel über die Schulintervention in Altdorf und die Eindrücke der dort mitwirkenden Lehrkräfte. Radio DRS2 porträtierte das Forschungsprojekt in der Sendung "Kontext" mit einer ausführlichen Darstellung von Seiten des Projektleiters wie auch kritischen Gegenstimmen (17.3.2010). Schliesslich hat auch der Tages-Anzeiger der Intervention eine halbe Seite gewidmet (11.05.2010).

     
T-161/08  

Tagung: "Überschuss. Videogramme des Experimentierens"
Profs. Christoph Schenker, Hannes Rickli, Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), Zürich, Fr. 15'000.-

Die transdisziplinäre Tagung nahm im Forschungsprojekt Überschuss. Videogramme des Experimentierens eine Schlüsselfunktion ein. Sie fand als Symposium während der Ausstellung "Videogramme" statt. Die Projektmitarbeiter wurden ebenfalls in das Symposium involviert und fanden Gelegenheit, ihre Erkenntnisse in den erweiterten Expertenkreis einzubringen. Der im Team gefundene und in der Ausstellung dokumentierte Dialog sollte die Verständigung zwischen den beteiligten Disziplinen zu ermöglichen helfen und bildete die Grundlage für den transdisziplinären Dialog. Im Mittelpunkt des Symposiums standen führende Persönlichkeiten der jeweiligen Disziplinen. Sie gingen in Referaten auf Fragen des Gebrauchsfilms ein und diskutierten anschliessend disziplinenübergreifend und themenorientiert ihre Erkenntnisse.
Die Frage ist nicht: "Was ist Film?" Die Frage ist: "Wann ist ein Film ein Datum, ein Bild, ein Akt oder ein Werk?""Film" meint in der Regel eine Kunstform: Den Spiel-, Dokumentar- oder Experimentalfilm, über dessen künstlerischen Wert man zwar im Einzelfall streiten kann, der aber doch stets als gestaltete Form auftritt und im Falle des Gelingens geeignet ist, in den einen oder anderen künstlerischen Kanon Aufnahme zu finden. Die Erträge und Produkte des technischen Mediums Film gehen darüber aber weit hinaus. Insbesondere umfassen sie den Bereich all dessen, was der Sammler und Historiker Rick Prelinger mit dem archivalischen Fachbegriff der "ephemera" zusammenfasst: Filme und Filmstücke, die zwar in Archiven aufbewahrt werden, deren Herkunft oft unklar, deren Wert lokal beschränkt ist und sich meist in einem bestimmten, längst entschwundenen Verwendungszweck erschöpft, und die praktisch nie die Einheiten eines gestalteten Werks aufweisen. Zumindest ein Teil dieser verstreuten Fundstücke wurde in den letzten Jahrzehnten in den Archiven erschlossen und erforscht. Noch immer aber stellen die "ephemeral films" und die "orphans" wie der Filmhistoriker Dan Streible herkunftsloses Filmmaterial nennt, einen weitgehend unerforschten "Kontinent" dar. Eine Möglichkeit, diesen zu erschliessen, eröffnet die Kategorie des Gebrauchsfilms. Sie registriert Filmmaterialien nach Verwendungs- und Adressierungszusammenhängen, selbst wenn diese flüchtig und einmalig sind. Zu Tage treten solche Verwendungs- und Adressierungszusammenhänge besonders plastisch an den Schwellen, den Übergängen zwischen einem Kontext und einem nächsten. Dort zeigt sich, dass ein Gebrauchsfilm je nach Betrachter- und Verwenderperspektive, Datum oder Bild, Beobachtung oder Erzählung, Ausschuss oder Kunst sein kann.
Die Tagung thematisierte vier solcher Schwellen und Übergänge, an denen der Gebrauchsfilm die Wechsel seiner medialen Aggregatszustände vollzieht, seine Mediamorphosen, um es mit einem Begriff aus der Musikwissenschaft zu sagen. Im Einzelnen waren dies die Übergänge vom Labor zum Kunstraum (Panel 1), vom Datenträger zum Film (Panel 2), vom gefundenen zum verlorenen Material und seiner Wiederkehr unter den Bedingungen einer digitalen Read/Write-Kultur (Panel 3) und schliesslich von der wissenschaftlichen zur wissenschaftspolitischen Praxis (Panel 4). Im Zentrum standen wissenschaftliche Gebrauchsfilme, wobei der Schwerpunkt auf die Lebenswissenschaften und namentlich die Biologie und die Ethologie gelegt wurde. Die Panels versammelten Protagonisten aus Wissenschaft und Kunst, die den jeweiligen Übergang von beiden Seiten her beleuchteten und unterschiedliche Standpunkte und Praxen miteinander ins Gespräch brachten.
Die Panels hatten die Form von moderierten Tischrunden mit vier bis fünf Teilnehmern, wobei Jeder zu Beginn des Blocks die Gelegenheit erhielt, seinen Standpunkt in einem fünfzehnminütigen Referat darzulegen. Ein einführender Abendvortrag und ein kommentierter Filmabend vermittelten überdies die Umrisse des Feldes, wie es sich in der wissenschaftlichen Forschung und in der archivalischen, kuratorischen und künstlerischen Praxis darstellte.
Die Referierenden der verschiedenen Disziplinen beurteilten den Ansatz, das Thema "Gebrauchsfilm" vor dem Referenzrahmen der gleichzeitig stattfindenden Ausstellung "Videogramme" im Helmhaus Zürich zu diskutieren durchwegs positiv. Dadurch erhielt die Auseinandersetzung eine Orientierung, die es erlaubte, die vorgestellten Beispiele als Schnittstellen zu betrachten, die sowohl in den Lebens- wie auch in den Bildwissenschaften eine zentrale Rolle im Erkenntnisprozess einnehmen. Die gewählte Anlage – Kunst als Antrieb zur Erforschung der ästhetischen und materiellen Bedingungen des noch jungen Forschungsgegenstands "Gebrauchsfilm" – eigne sich für weitere Forschungen und sollte als Basis für kommende Diskussionen genutzt werden, so ein Feedback der Tagungsteilnehmenden.
Als wichtigstes Ergebnis der Tagung kann das in den Diskussionen erarbeitete, grundlegende Verständnis zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, wie auch der Kunst, bezüglich des Forschungsgegenstands "Gebrauchsfilm" genannt werden.

     
P-103/09  

"Brain Bus 2009/2010 - EDAB"
Mark Bächer, Life Science Communication AG, Küsnacht, Fr. 60'000.-

Dank der Anschubfinanzierung der cogito foundation zum Erwerb eines Busses und der Umrüstung in ein "mobiles Schulzimmer" sowie der Zusammenarbeit mit dem Life Science Learning Center Zürich, welches die wissenschaftlichen Inhalte erarbeitete, die interaktiv und spielerisch vermittelt wurden, fand der Brain Bus grossen Anklang bei Schulen. Für Lehrpersonen der Sekundarstufe I und II sowie weitere Interessierte stand didaktisches Material für die Vorbereitung, Vertiefung und Nachbereitung der Ausstellungsinhalte zur Verfügung. Es beinhaltete die folgenden Komponenten:

  • Lernparcours mit acht Posten (Geruchsinn, Geschmackssinn, Tastsinn, optische Täuschungen, Kreuzworträtsel, Mikroskopieren, Nervenleitgeschwindigkeit, Pubertät)
  • Factsheets (zentrales Nervensystem, Sinne allgemein, Sehsinn, Gehörsinn, Geschmacksinn, Riechsinn, Tastsinn)

Die Besuchszahlen belegen den Erfolg des Konzeptes:

  • 30'000 Besucher total
  • 4'000 Besucher am Jubiläumswochenende der Universität Basel
  • 2'340 Schülerinnen und Schüler aus 130 Schulklassen
  • 1'500 Besucher täglich auf der Website: www.brainbus.ch

Zusätzlich zu den regulären Ausstellungstagen auf öffentlichen Plätzen und an Schulen war der Brain Bus auch im Rahmen von Spezialanlässen mit diversen Partnern im Einsatz:

19. April 2010: Brain Bus Premiere zum 550-Jahr-Jubiläum der Universität Basel, Liestal
21. April 2010: Informationstag Parkinson Schweiz und Brain Bus Vernissage am Inselspital Bern
27. April 2010: Brain Bus Vernissage am Universitätsspital Zürich
27.-30. April 2010: Parkinson-Woche am Universitätsspital Zürich
3.-5. Juni 2010: Symposium "Educational Neuroscience - Is it a Field? " an der ETH Zürich
30. Juni 2010: Kooperation mit Consens Bio-/Neurofeedback, Herisau
18.-19. August 2010: Kooperation mit regionaler Parkinson Selbsthilfegruppe, St. Gallen
1.-2. September 2010: Kooperation mit regionaler Parkinson Selbsthilfegruppe, Frauenfeld
1.-4. September2010: Kooperation mit dem Naturmuseum Thurgau, Frauenfeld
12. September 2010: Jubiläumsfest des Haus Selun, Walenstadt
16. September 2010: Apéro zum Abschluss des 550-Jahre-Jubiläums der Universität Basel, Basel
21. September 2010: Welt-Alzheimertag in der Seniorenresidenz Multengut, Muri
22. September 2010: Auftakt Tour de Romandie, Vernissage und Mediengespräch an der EPF Lausanne
28. September 2010: Präsentation des Brain Bus Projekts an der Welt-Parkinson-Konferenz, Glasgow/GB
30. September 2010: Informationstagung Parkinson Schweiz am Universitätsspital Genf
27. Oktober 2010: Brain Bus Tag für die Mitarbeitenden von Siemens, Zug
28. Oktober 2010: Brain Bus Checkübergabe von Merck Serono an die Schweiz. MS-Gesellschaft, Zug
30. Oktober 2010: pro integral days im Pilatusmarkt, Kriens
31. Okt.-1. Nov.2010: Treffpunkt Science City an der ETH Hönggerberg, Zürich
11. November 2010: Nationaler Zukunftstag bei Siemens, Zürich

In den Medien war der Brain Bus mit zahlreichen Beiträgen (Print, Web, Radio, TV) präsent. Eine Auswahl an publizierten Artikeln ist auf der Website unter www.brainbus.ch/medien aufgeführt. Die gute Medienpräsenz wurde durch einen Mix verschiedener Kommunikationsmassnahmen sichergestellt. So wurde für jeden Brain Bus Standort eine Medienmitteilung und ein Pressedossier für die regionalen Medien erarbeitet.

     
T-124/09  

"Tagung Blicklandschaften ZH"
Prof. Christophe Girot, Dr. Fred Truniger, ETH Zürich Fr. 8'000.-

Die Professur für Landschaftsarchitektur führte am 14. / 15. Mai an der ETH Zürich die LandscapeVideo Conference durch. Die Tagung fand in der Semper Aula der ETH Zürich statt, vor deren Balkonen auf der Polyterrasse die Ausstellung "Blicklandschaften" zu sehen war. An drei Abenden (13.-15. Mai) wurden ausserdem im Filmpodium der Stadt Zürich drei Filmprogramme gezeigt, welche die Diskussion um den Stellenwert filmischer Bilder für die Landschaftsarchitektur bereicherten.

Die Tagungsbeiträge waren in drei thematische Blöcke unterteilt:
Den Anfang machte unter dem Titel "Transcriptions" die Diskussion um die notwendigen Übertragungen von landschaftlichen Phänomenen in visuelle Formen, die für den Entwurf in der Landschaftsarchitektur unabdingbar sind. Nach einer Einführung durch Prof. Christophe Girot, der auch Einblick in die inzwischen zehnjährige Arbeit seines Lehrstuhls mit Video gewährte, widmeten sich sechs Beiträge den unterschiedlichsten Praktiken der Umsetzung von landschaftlichen Phänomenen in Bilder. Die Breite der Diskussion reichte von traditionellen Arbeitsweisen der Landschaftsarchitektur mit Bildern und Visualisierungen (Elena Cogato-Lanza, Martin Rein-Cano) über experimentelle Ideen der Übersetzung von Bewegungsphänomenen bzw. sozialer Fragestellungen (Prof. Charles Waldheim, Prof. Jörg Stollmann) bis hin zur Abbildungspraxis der Landschaft in den Arbeiten von Spiel- und Experimentalfilmregisseuren (Beatrice Schultz, Barbara Pichler).

Am zweiten Tag wurden zwei Themen diskutiert, die ins Zentrum der Auseinandersetzung mit Landschaft und Film weisen. Der Morgen stand unter dem Titel "Experience" und versammelte vier Vorträge, die sich den Schwierigkeiten näherten, das subjektive Erleben des Menschen in geeignete Repräsentationsformen zu überführen. Aus der Sicht der Architektur, des Filmemachens, der Soziologie sowie der Film- und der Landschaftstheorie wurde beispielsweise auf die Bedeutung des Tons als Teil der Atmosphäre der Landschaft hingewiesen (Marc Schwarz), der Film als Möglichkeit den gelebten Moment einzufangen behandelt (Prof. Christian Schmid, Dr. Robin Curtis) und der Wahrnehmungsmodus des (schnellen) Fahrens thematisiert (Dr. Janike Kampevold Larsen).
Am Nachmittag wurde abschliessend das Thema der "Narration" behandelt. In ihren Vorträgen gingen die drei Redner (Prof. Dr. Volker Pantenburg, Dr. Sébastien Marot, Volko Kamensky) auf Beispiele aus der Filmgeschichte ein, in welchen Sie darlegten, wie stark das Landschaftsverständnis von Erzählungen geprägt ist. Landschaftsbilder, so wurde klar, können kaum je ohne einen narrativen Kontext wahrgenommen werden, der die Art und Weise ihrer Bewertung durch den Menschen bisweilen vollständig monopolisieren kann.

Die drei Themen erfuhren in abschliessenden Paneldiskussionen eine Zusammenfassung, in welchen aber auch klar wurde, wie schwierig die Integration der unterschiedlichen Positionen von Landschaftsarchitekten und -theoretikern und Filmemachern und -theoretikern noch immer ist. Mit der Tagung ist auf dem Weg zu einer transdisziplinären Kooperation ein fruchtbarer Schritt getan worden. Gleichzeitig sind aber auch neue Herausforderungen in den Blick gerückt.

http://www.multimedia.ethz.ch/conferences/2010/landscapevideo

     
T-137/09  

"TEXTURES, 1st Conference of the European Society for Literature, Science, and the Arts in Riga and Liejapa (Lettland), 15-20. Juni 2010"
Dr. Manuela Rossini, Europ. Society for Literature, Science, and the Arts (SLSA)eu  Fr. 6'000.-

Die internationale Society for Literature, Science, and the Arts (SLSA) und ihre europäische Schwestergesellschaft (SLSAeu) fördern den wissenschaftlichen Austausch zwischen den Naturwissenschaften, den Computer-, Ingenieur- und Technikwissenschaften, der Medizin, den Sozial- und Geisteswissenschaften und den Künsten. Die zweijährliche Tagung der SLSAeu fand 2010 vom 15.-19. Juni in Riga (Lettland) statt. Sie wurde vom akademisch-künstlerischen Netzwerk electronic text and textiles (e-t+t) in Zusammenarbeit mit lettischen und internationalen Partnern organisiert: www.e-text-textiles.lv/SLSAeu2010/home.htm
Unter dem Thema TEXTURES wurden fünf Schwerpunkte ausgewählt, die sich alle mit den Stoffen, Strukturen, Oberflächen und Interfaces einer durch die Technowissenschaften und digitale Medien stark veränderten Welt auseinandersetzten: (1) Materiality and Textuality; (2) Networks and Sustainability; (3) Tissue Cultures; (4) Architextures; (5) Biopalimpsests. Ein weiterer, allgemeiner und für die Profilausrichtung der SLSAeu wichtiger Schwerpunkt war "Art as Research". Leider musste die Philosophin Catherine Malabou kurzfristig absagen, aber mit Erin Manning und Brian Massumi (Kanada) war mehr als nur ein Ersatz gefunden: Ihre Lecture-Performance zu kognitiven Erfahrungen autistischer Menschen bot ein bewegtes und bewegendes Plädoyer für "Neurodiversität". Zwei weitere von der cogito foundation finanzierte Referentinnen waren Daina Taimina, Mathematikerin mit lettischen Wurzeln an der Cornell University, die hyperbolische Strukturen mittels Häkelarbeiten erklärte, und Joanna Zylinska, Kultur- und Medientheoretikerin am Goldsmiths College London, die in ihrem Vortrag die (bio)ethischen Herausforderungen im posthumanistischen Zeitalter thematisierte. Parallel zum akademischen Programm fand die Ausstellung TRANSBIOTICS statt, an der international renommierte Künstler ihre Auseinandersetzung mit der Thematik einem interessierten Publikum mittels interaktiver Installationen näher brachten.
Der Begriff "Textur" und textile Sprachbilder wie "Falte" oder "Gewebe" haben sich als sehr produktiv für den Dialog zwischen den Disziplinen sowie der Theorie und Praxis erwiesen. Als Repräsentationsformen für reale und virtuelle Zwischenräume und Denkfiguren für mannigfaltige materielle, symbolische, menschliche und nicht-menschliche "Go-Betweens" konnten damit Kontaktzonen aber auch klare Grenzen zwischen den Denkweisen und Ansätzen verschiedener Wissenskulturen herausgearbeitet werden. Wie ein roter Faden zog sich die Frage der Materialität durch die Tagung, insbesondere die Frage, inwiefern Bewusstsein, Wahrnehmung, Erinnerung etc. durch materielle Texturen konstituiert werden und für welche komplexen Prozesse gerade neurophysiologische und andere biologistische Erklärungen nicht ausreichen.
Eindrücklich war der hohe Kenntnisstand naturwissenschaftlicher Paradigmen der mehrheitlich geistes- und kulturwissenschaftlichen Teilnehmenden. Umgekehrt war unter den (wenigen) anwesenden Naturwissenschafter auch eine Bereitschaft zu spüren, von künstlerischen Zugängen und den "weichen" Wissenschaften zu lernen. Die SLSAeu wird sich deshalb bemühen, vermehrt Naturwissenschafter und Naturwissenschafterinnen für gemeinsame Gesprächsrunden und Projekte an die Tagung zu holen.
Die nächste SLSAeu-Tagung findet 2012 in London statt, unter dem vorläufigen Titel "Fluctus - an international arts-science celebration of sound".

     
T-146/09  

Konferenz "Environmental Decisions: Risk and Uncertainties"
Prof. Dr. Renate Schubert, IED ETHZ und Professur für Sozialpsychologie, UZH Fr. 12'000.-

Das Hauptziel der Konferenz auf dem Monte Verità, 25-29 April, 2010 war es, die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Risikoforschung, d.h. auf den Gebieten der Risikowahrnehmung, der Risikobewertung, des Risikomanagements und der Risikosteuerung, zu fördern, um die Entscheidungsfindung im Kontext von Umweltproblemen zu verbessern.

Zehn eingeladene, internationale Keynote-Speaker lieferten mit ihren Vorträgen über die neusten Forschungsergebnisse ihres Spezialgebietes vielseitige Erkenntnisse, die in den Diskussionen aufgenommen wurden, zum Beispiel:

  • grundlegende Diskussionen zu den Definitionen von "Risiko" und "Unsicherheit",
  • praktische Erfahrungen mit der Risikobewertung,
  • politische Aspekte der Umweltentscheidungsfindung und
  • wissenschaftliche Studien zur Wahrnehmung des Klimawandels und der Entscheidungshilfen durch die Bevölkerung.

Spezifische Themen der Risikowahrnehmung, der Risikobewertung, des Risikomanagements und der Risikosteuerung wurden in separaten Workshops vertieft. Ausserdem diskutierten die Workshopteilnehmer und -teilnehmerinnen, was ihre jeweilige Forschungsdisziplin den anderen Bereichen anbieten könnte und was sie im Gegenzug von den anderen Gebieten brauchen würde, um die Entscheidungsprozesse zu verbessern. Am letzten Tag der Konferenz wurden diese Ergebnisse im Plenum präsentiert und miteinander diskutiert.

Ein wichtiges Resultat der Konferenz ist, dass für jedes spezifische Umweltproblem interdisziplinäre Forschungsteams gebildet werden sollten. Stakeholders der verschiedenen Disziplinen müssen in themenbezogenen Problemlösungsworkshops einbezogen werden, damit eine gründliche Betrachtung der involvierten Akteure, der entsprechenden Risikokommunikation und der notwendige zeitliche Rahmen gewährleistet ist. Je mehr Zusammenarbeit es zwischen den verschiedenen Disziplinen und Forschenden der verschiedenen Risikobereichen gibt, desto besser sind die Chancen um technisch, ökonomisch und ethisch einwandfreie und gut fundierte Lösungskonzepte für die Bewältigung von Umweltproblemen zu finden.

     
P-148/09  

"Im Spiegel der Disziplinen. Gedanken über inter- und transdisziplinäre Forschungs-
und Lehrpraktiken"
Theres Paulsen, IUKB, Sion   Fr. 5'000.-

Das Institut Universitaire Kurt Bösch und das td-net for Transdisciplinary Research der Akademien der Wissenschaften Schweiz organisieren seit 2008 jährlich eine nationale Tagung zu Inter- und Transdisziplinarität im Schweizer Wissenschaftssystem. Parallel dazu wurde ein zweites Buch publiziert, das die Reflexion zum Thema und dem Stand der Initiativen an den Hochschulen aufzeigt. Die Auswahl theoretischer Überlegungen sowie Umsetzungsbeispiele aus Forschungs- und Lehrpraxis beschreiben verschiedene Wege, um die Zukunftsfähigkeit der Denk-, Forschungs- und Ausbildungsstätten zu sichern. Komplementäre Definitionen von Inter- und Transdisziplinarität bedingen unterschiedliche methodische und pädagogische Umsetzungskonzepte. Auf den ersten Blick präsentiert sich ein heterogenes Bild. Dennoch verfolgen alle das gleiche Ziel, nämlich die verschiedenen Disziplinen in einen konstruktiven Dialog zu bringen. Bei genauer Betrachtung der einzelnen Elemente erkennt man immer wieder die Notwendigkeit, den Status der Disziplinen, ihre Potentiale und Grenzen zu überprüfen, um schliesslich Bedingungen für das Überwinden der Einengungen zu formulieren und zu fordern. Im Sinne eines ganzheitlichen Verständnisses scheint es unerlässlich, mehrere Expertisen zu integrieren, um gegenseitig voneinander zu lernen; sowohl innerhalb der Wissenschaften wie auch im Austausch mit praktischen Anwendern.

Disziplinarität soll keine negative Bedeutung erhalten, indem Inter- und Transdisziplinarität als alleinige Lösung wissenschaftlichen Arbeitens gepriesen wird – im Gegenteil. Das stete Hinterfragen der Natur der Disziplinen und ihrer Grenzen ist eine Einladung zur Reflexion des eigenen Tuns und der Beziehung zu verwandten oder fremden Disziplinen. Auf dem Weg zu echter Interdisziplinarität ist Disziplinarität eine unverzichtbare Etappe. Denn das Interdisziplinäre gründet auf den Disziplinen. Der Spiegel der Disziplinen lässt neue Facetten und Blickwinkel zu. Gedanken werden in neue Bahnen gelenkt und zum Teil konkret fassbar. Aufgrund der gesammelten Erfahrungen nehmen Methodenkanon und Qualitätsanforderungen für inter- und transdisziplinäre Lehre und Forschung schärfere Konturen an.
Das Buch bietet neue Ein- und Aussichten zu theoretischen Überlegungen bezüglich Methodik, Ausbildung und Forschungsansätzen für Themen in gesellschaftlichem Kontext. Neben konkreten Beispielen, die zeigen, was es für die Ausbildung zu kritischem und vernetztem Denken braucht und wie dies im Bologna-System umgesetzt werden kann, finden sich Forschungsbeispiele aus verschiedenen Fachbereichen:

  1. Violaine Lemay : La propension à se soucier de l'Autre : Promouvoir l'interdisciplinarité comme identité savante nouvelle, complémentaire et utile.
  2. Rainer Egloff/Johannes Fehr: Das wilde Denken und das Kochen - Überlegungen zur inter- und transdisziplinären Pragmatik.
  3. Antonio A. Casilli : Pratiquer la transdisciplinarité dans la discipline : Temporalité, territorialité et réalisme des professions scientifique.
  4. Nicole Rege Colet : Le processus de Bologne : Une chance ou un frein pour l'interdisciplinarité ?
  5. Antonietta Di Giulio/Rico Defila: Von der Nützlichkeit der Graphologie und anderen Möglichkeiten, mit Wasser zu kochen - Einblick in Unterrichts-Sequenzen zur Vermittlung inter- und transdisziplinären Arbeitens.
  6. Paul Burger/Patricia Burkhardt-Holm/Frank C. Krysiak: Educating Experts for Sustainable Development. The Master's Degree in Sustainable Development at the University of Basel.
  7. Edo Poglia : Conditions épistémologiques, méthodologiques et pratiques de l'interdisciplinarité en sciences humaines et sociales : Le cas de la communication interculturelle.
  8. Felix Keller/Claude Müller/Judith Meilwes/Ursula Gehbauer Tichler: Transdisziplinarität und problembasiertes Lernen - Evaluation an einer Höheren Fachschule für Tourismus.
  9. Céline Cholez/Aurélie Landry/Sandrine Caroly/Dominique Vinck : L'interdisciplinarité dans la santé au travail : dynamique de l'apprentissage pratique et croisé en situation.

Peter Lang Verlag, Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien, 2011. 231 p.
ISBN 978-3-0343-0554-9
http://www.peterlang.com/index.cfm?event=cmp.cst.ebooks.datasheet&id=58581&concordeid=430554

     
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