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Schlussberichte 2011 (Last Update: 1.11.2011) |
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| R-131/07 |
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"Nosognosia: unrealistic optimism and the denial of illness"
Prof. Dr. Peter Brugger, Universitätsspital Zürich, Fr. 140'925.- (für 3 Jahre)
Ziel der Dissertation von Corinne Tamagni war es, zu untersuchen, wie das menschliche Gehirn ein Bild des eigenen Gesundheitszustandes aufbaut, von dem man weiss, dass es systematisch zur emotional positiven Seite hin verzerrt ist.
Der erste Teil betrifft das Studium der positiven Illusionen, welche die Selbsteinschätzung begleiten. Der zweite Teil konzentriert sich auf die hemisphärische Lateralisierung der emotionalen Verarbeitung, mit speziellem Fokus auf den Einfluss der Emotionsvalenz auf die räumliche Aufmerksamkeit.
Anosognosie bezeichnet die Unfähigkeit, die eigene Krankheit zu erkennen. Sie stellt eine der eindrucksvollsten und rätselhaftesten Formen von Agnosie dar. Keines der existierenden Modelle kann den vollen Umfang der klinischen Manifestationen dieses Phänomens erklären. Im Gegensatz zu bisherigen Untersuchungen, die den Schwerpunkt auf die Dysfunktion legen, betont diese Arbeit das Studium der normalen Funktion, die in der Anosognosie beeinträchtigt ist; eine Funktion, die hier naheliegenderweise als Nosognosie bezeichnet wird.
Nosognosie ist die Funktion, die vor dem Hintergrund von interozeptiven und externen Veränderungen das eigene Wohlbefinden ständig überprüft. Sie erfasst damit nicht nur die Wahrnehmung allfälliger Krankheitszeichen, sondern auch die Fähigkeit, das eigene Krankheitsrisiko realistisch einzuschätzen. Eine Fülle von Studien zeigen, dass diese Einschätzung systematisch verzerrt ist und zwar zur positiven Seite hin. Insbesondere weisen Gesunde eine starke Tendenz auf, das eigene Risiko für zukünftige Erkrankung als deutlich geringer zu erachten im Vergleich zum Risiko der Mitmenschen. Die Unterschätzung der eigenen Vulnerabilität für Krankheit wird für gewöhnlich als unrealistischer Optimismus bezeichnet.
Es scheint, dass es eine konzeptuelle Ähnlichkeit zwischen dem konfabulativen Verhalten des Anosognostikers und dem unrealistischen Optimismus gibt. Deshalb wurde die optimistische Fehleinschätzung als "prospektive Anosognosie" aufgefasst. Die Studie 1 bestätigt diese Hypothese, dass ähnliche neuropsychologische Prozesse der Anosognosie und dem gesunden unrealistischen Optimismus zu Grunde liegen. So wie sie die Anosognosie bei Patienten aufhebt, führte die kalorische Stimulation des linken Ohrs mit kaltem Wasser zu einer Reduktion des unrealistischen Optimismus in gesunden Probanden. Dieser Befund deutet darauf hin, dass der rechte parieto-insuläre Kortex (aktiviert bei dieser Methode) eine für die Einschätzung der eigenen Vulnerabilität für Krankheit wichtige Struktur ist. Die Studien 2 und 3 untersuchten die Hirnlateralisierung der Emotionen und die Interaktion zwischen emotionaler Verarbeitung und räumlicher Aufmerksamkeit. Beobachtet wurde eine Assoziation zwischen persönlichkeitseigener Tendenz zur Bevorzugung der linken Raumhälfte ("Pseudoneglekt") und dem Verarbeiten spezifisch negativer Emotionen (Studie 2) und eine Modulation der räumlichen Aufmerksamkeit durch die momentane Befindlichkeit (Studie 3). In ihrer Gesamtheit stützen die Resultate von Corinne Tamagni die dominierende Rolle der rechten Hemisphäre in der Verarbeitung negativer Emotionen und heben die Bedeutung der Parietallappen und ihrer Verbindungen für die Verarbeitung nicht-räumlicher Inhalte hervor. |
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| R-120/07 |
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"Werkzeuggebrauch, Kultur und Rufdialekte der neukaledonischen Geradschnabelkrähe"
Professor Alex Kacelnik, Christian Rutz, Universität Oxford Fr. 134'986.- (für 3 Jahre)
Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass einige Tierarten 'kulturelle' Traditionen haben könnten, doch die Datenlage für Wildpopulationen ist nach wie vor weitgehend strittig. Dies ist wohl hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass es extrem schwierig ist, die Grundvor-aussetzung für 'Kultur' nachzuweisen: die Fähigkeit 'sozial' (d.h. von anderen Individuen) zu lernen. Singvogeldialekte sind bisher das einzige wirklich überzeugende Beispiel, bei dem soziales Lernen nachgewiesen und anschliessend mit einem räumlichen Kultur-Muster in Zusammenhang gebracht werden konnte. In dieser Studie wurde untersucht, ob neukaledonische Geradschna-belkrähen (Corvus moneduloides) — eine der wenigen Tierarten für die eine Werkzeugkultur vermutet wird — Rufdialekte im Freiland aufweisen.
Es wird gezeigt, dass diese Vogelart:
- die Fähigkeit besitzt, sozial Lautäusserungen zu erlernen (ein untersuchter Gefangenschaftsvogel konnte menschliche Sprache und andere anthropogene Geräusche verblüffend nachahmen; siehe Video);
- signifikante Rufdialekte im Freiland aufweist (nachgewiesen durch grossräumige playback-Experimente im Verbreitungsgebiet der Art und anschliessende spektrografische Analysen, welche den Einfluss einer Vielzahl ökologischer Variablen berücksichtigten).
Die Forschungsergebnisse liefern einen überzeugenden Nachweis dafür, dass diese Krähen 'kulturell' geprägte Verhaltensmuster besitzen. Die Daten zeigen konkret, dass die Art über soziale Lernfähigkeiten und Populationsstrukturen verfügt, welche die Erzeugung und den Erhalt kultureller Information in zumindest einer Dimension ermöglicht. Dies ist ein entscheidender erster Schritt, um die kulturelle Übertragung anderer Verhaltensaspekte — wie z.B. von Werkzeugtechnologien — nachzuweisen. Letztlich könnte dies eine Studie ermöglichen, welche die kulturellen Grundlagen von 'Sprache' (Lautäusserungen) und Werkzeutechnologie in einer nichtmenschlichen Tierart erforscht.
Bluff, L.A., Kacelnik, A. and C. Rutz (2010) Vocal culture in New Caledonian crows Corvus moneduloides. Biological Journal of the Linnean Society 101, 767–776.
Link zum Video
Mehrere begleitende Projekte haben erheblich von den Forschungsgeldern profitiert. Bisher haben vier weitere Publikationen die Unterstützung der cogito foundation dankend erwähnt:
Kenward, B., Schlögl, C., Rutz, C., Weir, A.A.S., Bugnyar, T. and A. Kacelnik (2011) On the evolutionary and ontogenetic origins of tool-oriented behaviour in New Caledonian crows (Corvus moneduloides). Biological Journal of the Linnean Society 102, 870–877.
Bluff, L.A., Troscianko, J., Weir, A.A.S., Kacelnik, A. and C. Rutz (2010) Tool use by wild New Caledonian crows Corvus moneduloides at natural foraging sites. Proceedings of the Royal Society (London), Series B 277, 1377–1385.
Rutz, C. and G.C. Hays (2009) New frontiers in biologging science. Biology Letters 5, 289–292.
Wimpenny, J.H., Weir, A.A.S., Clayton, L., Rutz, C. and A. Kacelnik (2009) Cognitive processes associated with sequential tool use in New Caledonian crows. PLoS One 4, e6471.
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| P-106/08 |
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"Espaces Temps.net (ET.net )",
Online-Zeitschrift für den interdisziplinären Dialog 
Prof. Jacques Lévy, EPF Lausanne Fr. 90'000.- (für 2 Jahre)
Seit 30 Jahren wird an der EPFL und der Universität Lausanne die Zeitschrift "Espaces Temps" herausgegeben. Seit 2002 erscheint diese nur noch elektronisch. Ziel der zweijährigen Unterstützung der cogito foundation ab Sommer 2008 war es, die Stellung der Zeitung im akademischen Umfeld der Schweiz auszubauen und sie neben den Sozialwissenschaften breiteren Kreisen, insbesondere den Naturwissenschaften zugänglich zu machen sowie nicht nur in französisch sondern auch in weiteren Sprachen zu veröffentlichen. Die Unterstützung ermöglichte Veränderungen im Herausgeberpool und bot Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Grundlagenforschung. Dies erlaubte ET.net eine grössere finanzielle Unabhängigkeit und die Wahlfreiheit bezüglich ihrer Editorenpartner. Die Gelder dienten der Zeitschrift dann haupt-sächlich zur Ausarbeitung einer neuen zweisprachigen Benutzeroberfläche.
Zu Beginn leistete vorwiegend die Fakultät ENAC (Faculté de l'Environnement naturel, Architectural et Construit) an der EPFL die finanzielle Absicherung der Zeitschrift. Dank der Unterstützung der cogito foundation konnten die notwendigen Schritte eingeleitet werden, um neue Finanz- und Editorenpartnerschaften zu schliessen. Diese stehen in direkter Verbindung mit der Entwicklung von Schnittstellen zu den Naturwissenschaften.
Die Finanzpartnerschaft mit der Schule für Humanwissenschaften (CDH) an der EPFL ermöglicht zusätzlich zur Bereitstellung eines Veröffentlichungs- und Kommunikationsraumes für die verschiedenen Forscher der CDH, auch die Schaffung einer interaktiven Plattform zum Austausch zwischen den Humanwissenschaften und den Forschenden und Studierenden der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Fakultät ENAC an der EPFL wurde ausgebaut, um die vorrangigen Themen an der Fakultät durch die Veröffentlichung verschiedener Artikel hervorzuheben. Schliesslich wurde 2009 eine Partnerschaft mit gemeinsamer Finanzierung für Veröffentlichungen mit der Ecole Normale Supérieur in Lyon abgeschlossen, um die Zeitschrift einer breiteren, internationalen Öffentlich-keit zugänglich zu machen.
Auch die Gruppe "Klinik, Neurowissenschaften, Human- und Sozialwissenschaften" des Instituts für Medizin- und Gesundheitsgeschichte (IUHMSP), angegliedert an die Universität Lausanne und das Universitätsspital des Kantons Waadt (CHUV), schloss sich im Februar 2010 der Zeitschrift ET.net an. Somit können Veröffentlichungen initiiert werden, welche multidisziplinäre Arbeiten zu sozialen und epistemologischen Aspekten im Zusammenhang mit der Forschung der Neurowissenschaften zum Thema haben. Von weiterem Interesse hinsichtlich der akquirierten Partnerschaften sind die Vereinbarungen mit der Universitären Presse der französischen Schweiz zur "Vorpremière" der Veröffentlichung von Ausschnitten einiger interdisziplinärer Arbeiten, sowie die künstlerische Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule des Wallis (ECAV) zur Ausarbeitung eines neuen visuellen Erscheinungsbildes der Zeitung. Zurzeit sind weitere Partnerschaften im Aufbau, insbesondere mit dem Projekt "MOVE" an der Universität von Neuenburg, sowie mit der EPFL, ETHZ und der Universität der italienischen Schweiz zur Zusammenarbeit im Projekt "Urban Systems, Urban Models" (USUM). ET.net wird ausserdem primärer Partner zur Veröffentlichung der Ergebnisse des "Latsis Symposium" 2011 an der EPFL.
Im Hinblick auf die Mehrsprachigkeit und die neuen Veröffentlichungsschnittstellen, hat das Zeitschriftenkomitee sein internationales Netzwerk an Mitarbeitenden und die mehrsprachigen Beiträge ausgebaut. Dies konnten bereits durch die Veröffentlichung verschiedener Artikel und Werke auf Englisch gezeigt werden. Dank der Unterstützung der cogito foundation gibt die neue Benutzeroberfläche der Zeitschrift ab Anfang 2011 der Mehrsprachigkeit einen grösseren Stellenwert. Neben der stärkeren Hervorhebung der verschiedenen Wissenschafts- und Editionspartnerschaften, wird sie vollständig zweisprachig (auf Englisch und Französisch) zur Verfügung stehen. Eine elektronische Zeitschrift mit zahlreichen aktiven Mitarbeitenden aus verschiedenen Gebieten hat den Vorteil, dass diese selbst rasch in einen Dialog eingreifen und neue Sichtweisen einbringen können.
Die Förderung erlaubte zudem, die Einrichtung von 30%-Stellen für Partnerschaften und Edi-tionsassistenz. Die monatliche Anzahl der Zugriffe stieg von 30'000 auf 40'000 und bestätigt eindrücklich die Sichtbarkeit der Zeitschrift. Im Jahr 2009 wurden schliesslich die Bemühungen von ET.net honoriert, als die Bewertungsagentur für Forschung und Höhere Bildung ET.net in der Kategorie A klassifizierte. |
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| T-135/09 |
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"Mathematics as Practice and Culture: Interdisciplinary Perspectives on Mathematics"
Prof. Martina Merz, Soziologisches Institut Universität Luzern Fr. 2'626.70
Mit der Entwicklung neuer soziologischer, anthropologischer und historischer Ansätze seit den 1970er Jahren rücken in den Analysen wissenschaftlichen Wissens auch die sozialen, kulturellen, materialen und politischen Dimensionen in den Blick. Zunächst schien es, als blieben mathematische oder theoretische Wissenschaften (z.B. Mathematik, formale Logik, theoretische Physik) von dieser Neuorientierung unberührt. Erst in der letzten Zeit mehren sich Studien zu Forschungsfeldern, die mit Beweis, logischen Schlüssen und Berechnungen assoziiert werden.
Neue interdisziplinäre Zugänge zur Mathematik
Ziel des von Christian Greiffenhagen (Universität Manchester) und Martina Merz (Universität Luzern) organisierten internationalen Workshops, der im Mai 2010 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld stattfand und von der cogito foundation co-finanziert wurde, war es, die verschiedenen, oftmals interdisziplinären Zugänge zur Kultur und Praxis mathematischer Wissenschaften anhand konkreter Fallstudien vorzustellen sowie einer systematischen Prüfung zu unterziehen. Zu diesem Zweck fanden sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Gebieten der Wissenschaftssoziologie, -geschichte, -philosophie und Mathematik zu einem intensiven Gespräch zusammen.
Die zwölf Vorträge mit anschliessender Diskussion zeigten, wie vielgestaltig das Forschungsfeld sich aktuell darstellt und wie vielfältig die Bezüge zwischen den einzelnen Arbeiten sind. Die soziale und materiale Dimension der Beweispraxis z.B. lässt sich sowohl am Fall der antiken chinesischen Mathematik analysieren (Chemla) als auch am Beispiel eines logischen Theorems in der künstlichen Intelligenz (Rosental). Die Frage, wie mathematisches Wissen kollektiv erzeugt und validiert wird, stand im Zentrum von Vorträgen zur Spieltheorie (Breslau), mathematischen Logik (Greiffenhagen/Sharrock), theoretischen Physik (Merz) und Peer-Review-Praxis der Mathematik (Löwe/Müller). Dabei erkunden die den Vorträgen zugrunde liegenden Untersuchungen unterschiedliche empirische Zugänge zur mathematischen Praxis und Kultur: Von der teilnehmenden Beobachtung, teilweise kombiniert mit Videoaufzeichnungen der Arbeit an der Tafel bzw. der Dokumentation von E-Mail-Interaktionen eines kooperierenden Teams, über qualitative Interviews und eine Netzwerkanalyse von Koautorenschaften bis hin zur Erfassung von Erzählungen, in denen Mathematiker und Mathematikerinnen ihre Kindheitserfahrungen mit Zahlen und Algorithmen kund tun (Borovik).
Aktueller Bezug zu den Finanzmärkten
Auf welche Weise mathematische Regelwerke in andere Praxisfelder eingebunden sind, welche Konventionen und Standards dabei wirksam werden und welche Effekte diese Mathematisierung zeitigt, illustrierte zunächst ein Vortrag zur Geschichte der Ingenieurswissenschaften (Johnson). Von grosser Aktualität waren in diesem Zusammenhang die Berichte über zwei Studien zu den heutigen Finanzmärkten, die insbesondere Evaluationspraktiken und Risikoberechnungen von Finanzinstrumenten zum Thema hatten (Kalthoff, MacKenzie). Zwei Beiträge programmatischer Natur ergänzten die kritische Würdi-gung der vorliegenden Analysen mathematischer Praxis und Kultur (Lynch, Mehrtens).
In der angeregten Diskussion, die sich nicht auf die Einzelbeiträge beschränkte, wurden Möglichkeiten für eine wechselseitige konzeptuelle und methodische Befruchtung der disziplinär unterschiedlichen Herangehensweisen eruiert. Der Workshop endete mit der Bezeugung starken Interesses, das begonnene Gespräch über die Fächergrenzen hinweg fortzusetzen. So wird der Anlass für die Beteiligten sicherlich nicht der letzte sein, an dem sie interdisziplinäre Perspektiven auf Kultur und Praxis der Mathematik erschliessen. |
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| T-138/09 |
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"Humanismus. Sein kritisches Potential für Gegenwart und Zukunft" 
Prof. Dr. Adrian Holderegger, Moraltheologie und Ethik, Uni Fribourg Fr. 5'000.-
Das Internat. Symposium an der Universität Fribourg vom 3.-5. Dezember 2009 stellte sich der Frage: "Hat der Humanismus eine Zukunft?" Der Begriff "Humanismus" steht in der abend-ländischen Geschichte für so unterschiedliche Bewegungen wie etwa den Renaissance-Huma-nismus, den christlichen Humanismus, den Neu-Humanismus oder den existentialistischen Hu-manismus. Angesichts dieser Deutungsvielfalt stellt sich die Frage, ob sich ein Kernbestand an humanistischen Werten ausmachen lässt, der als Anknüpfungspunkt für die Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen sowie als Orientierung für die Neuordnung des Wissens dienen könnte.
Ist der Humanismus der Vergangenheit zu überantworten oder lässt er sich zeit- und sachgemäss rekonstruieren und in die aktuellen anthropologischen, ethischen und naturwissenschaftlichen Debatten einbringen? Wie muss der Humanismus verstanden werden, will man den gegenwärtigen Wissensstand um das sogenannte "Humanum" in den Wissenschaften nicht ignorieren? Lässt sich ein gehaltvoller Begriff der Menschenwürde gegenüber naturalistischen Deutungen des Menschen verteidigen? Kann die Sonderstellung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen angesichts des Vorwurfs willkürlicher Selbstprivilegierung noch aufrechterhalten werden? Ist die universale Geltung der Menschenrechte mit der Vielfalt von Kulturen vereinbar? Hat der Humanismus auch in Zukunft eine Chance oder werden der Mensch und das "Humanum" überwunden, wie dies neuere Bewegungen prognostizieren. Am Symposium waren hochrangige Forschende aus dem In- und Ausland anwesend, die miteinander in einen anregenden, konstruktiven und weiterführenden Dialog getreten sind. Die Tagung stellte sich diesen Fragen und herausfordernden Diskussion, welche im Brennpunkt des Interesses stehen.
Das Resultat liegt als 500 Seiten starker Sammelband von Adrian Holderegger, Siegfried Weichlein und Simone Zurbuchen vor. Er dokumentiert nicht nur die Referate, sondern auch die Diskussionsergebnisse, welche in die Korreferate eingeflossen sind. ISBN 978-3-7278-1678-9, Academic Press Fribourg |
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| S-147/09 |
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"Interaktiv kontrollierte Sprache als Brücke zwischen Recht und künstlicher Intelligenz"
Dr. Stefan Höfler, Universität Zürich, Fr. 93'718.-
Künstliche Intelligenz und Recht erforscht, wie Methoden der künstlichen Intelligenz für theoretische und praktische Fragestellungen der Rechtswissenschaft eingesetzt werden können. Ein Hauptproblem stellt dabei die Tatsache dar, dass Gesetzestexte in natürlicher Sprache verfasst sind, während die Methoden der künstlichen Intelligenz über formal-logischen Repräsentationen operieren. Eine automatische Übersetzung von der einen in die andere Darstellungsform ist aufgrund natürlichsprachlicher Mehrdeutigkeiten nur schwer zu bewerkstelligen.
Ziel des Projekts war es zu untersuchen, ob sich Gesetzessprache (insbesondere die schweizerische Gesetzessprache) durch Einschränkungen ihrer Syntax und Semantik so kontrollieren lässt, dass sie einerseits natürlich und ausdrucksstark bleibt, andererseits aber maschinell in formale Logik übersetzt werden kann.
In einem ersten Schritt wurden bestehende Gesetzestexte sowie Gesetzesentwürfe aus der redaktionellen Praxis der Schweizerischen Bundeskanzlei auf darin enthaltene Ambiguitäten untersucht. Es wurde dabei unterschieden zwischen Mehrdeutigkeit, die zwar für die maschinelle Verarbeitung ein Problem darstellen, vom menschlichen Leser aber im Allgemeinen nicht bemerkt werden, und Ambiguitäten, die auch beim Menschen zu Fehlinterpretationen führen können.
Auf beide Typen von Mehrdeutigkeit wurden dann die Methoden der kontrollierten natürlichen Sprache angewendet: Der Gebrauch von sprachlichen Konstruktionen, die zu Ambiguität führen können, wurde entweder untersagt (Konstruktionsregeln) oder aber den Konstruktionen wurde eine Default-Interpretation zugewiesen, die bestimmt, in welchem Sinne sie zu verwenden sind (Interpretationsregeln). Es wurde damit versucht, einen linguistischen Standard zu entwickeln, der aus einer Anzahl wohldefinierter Konventionen besteht, die Ambiguität reduzieren und dadurch eine maschinelle Verarbeitung erleichtern.
Damit der entwickelte Standard nicht allzu sehr von der bestehenden Gesetzessprache abweicht, wurde darauf geachtet, dass die definierten Konstruktions- und Interpretationsregeln wo immer möglich (a) bestehende domänenspezifische Konventionen, (b) von verschiedenen Behörden erlassene Stilrichtlinien und (c) die Häufigkeitsdistributionen, wie sie in der bestehenden Gesetzessprache vorkommen, reflektieren. Auf diese Weise konnten für eine Reihe von Phänomenen, die häufig Quelle von Doppelsinn sind, zusätzliche Kontrollmechanismen erarbeitet werden; diese sind in den Publikationen erläutert.
Es hat sich dabei gezeigt, dass der gewählte Ansatz zwar bei weitem nicht alle Probleme löst, die sich für eine maschinelle semantische Verarbeitung von Gesetzessprache ergeben. Es gelingt damit immerhin, einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Eine ganze Reihe von Ambiguitäten lexikalischer, syntaktischer und semantischer Natur können durch den Einsatz kontrollierter Sprache vermieden werden. Schwierigkeiten wird allerdings auch weiterhin die Tatsache bereiten, dass die Forschung im Bereich der deontischen Logik nach wie vor nicht imstande ist, den Inhalt von Gesetzestexten vollständig und adäquat formal zu repräsentieren. Die Akzeptanz eines erweiterten Standards hängt zudem entscheidend davon ab, dass die definierten Regeln möglichst nahe an den bereits vorhandenen Sprachgebrauch herankommen. Dieser ist aber leider erst ansatzweise und insbesondere in Bezug auf die maschinelle Verarbeitung noch ungenügend erforscht. Hier wären vor allem korpusbasierte Studien zur schweizerischen Rechtslinguistik wünschenswert.
Aus dem Projekt resultierten zwei technische Berichte, vier Konferenzbeiträge, ein Journalartikel und zwei eingeladene Vorträge. Wie vom cogito Stiftungsrat angeregt, wurde ein weiterfüh-render Projektantrag beim Schweizerischen Nationalfonds eingereicht, der angenommen wurde und die Weiterfinanzierung für drei Jahre garantiert. Das Projekt wurde im Journal der Universität Zürich 2/11, Seite 7 porträtiert. |
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| S-152/09 |
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"Das Potential traditioneller Schutzgebiete für einen neuen Ansatz im Naturschutz"
Dr. Claudia Rutte, Universität Bern Fr. 67'200.-
Der Artenschutz basiert vor allem auf dem Ausweisen von Schutzgebieten. Der Ausschluss der lokalen Bevölkerung bei der Planung und Realisierung von Naturschutzgebieten gilt als einer der Gründe weshalb diese oft ineffektiv sind. Es wurden daher in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Initiativen gestartet, welche die lokalen Gemeinschaften in die Verwaltung von Schutzgebieten mit einbeziehen sollen. Die Umsetzung dieser partizipativen Steuerung von Schutzgebieten zeigt jedoch auch Mängel und häufig wurden lediglich "Papierparks" geschaffen ohne tatsächliche Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Als zusätzliche Alternative zu solchen "top-down" Ansätzen im Naturschutz, könnten bereits existierende, lokale Formen des Naturschutzes, wie beispielsweise heilige Schutzgebiete, unterstützt werden. Heilige Landschaften gibt es in vielen Ländern. Diese sind vor allem in artenreichen Regionen der Erde häufig zu finden.
Um interdisziplinäre Forschung und den Austausch von Wissenschaftlern zu erleichtern, die daran interessiert sind, das Zusammenspiel von Natur und Kultur besser zu verstehen und zu unterstützen, wurde eine webbasierte Datenbank über heilige Schutzgebiete aufgebaut. SANASI ist unter www.sanasi.org abrufbar und enthält Informationen zu verschiedenen Aspekten von heiligen Schutzgebieten der Erde: zu Geographie, Ökologie, Glaubensystem, Steuerung und Verwaltung, Bedrohungen und wirtschaftliche Bedeutung. Die Daten für SANASI stammen derzeit aus publizierten Quellen (wissenschaftliche Zeitschriften, Berichte von nationalen und internationalen Organisationen, Bücher und Internet). Der SANASI Sachverständigenrat arbeitet zudem an einer Datenschutzrichtlinie, um zukünftig auch Informationen zu sammeln, die von der lokalen Bevölkerung mitgeteilt werden (basierend auf einem Free, Prior,and Informed Consent).
Im Mai 2011 enthielt SANASI Daten zu mehr als 200 heiligen Schutzgebieten in 25 Ländern. Es ist ein Langzeit-Projekt und Zusammenarbeiten mit der IUCN Specialist Group on Cultural and Spiritual Values of Protected Areas (CSVPA), dem Indigenous and Community Conserved Areas (ICCA) registry und der Alliance of Religions and Conservation (ARC) sind geplant. |
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| T-102/11 |
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"Symposium: Himmelsgesetze – Naturgesetze: Rechtsförmige Interpretationen kosmischer Phänomene in der antiken Welt" 
Profs. Konrad Schmid, Christoph Uehlinger, Theologische Fakultät, Uni Zürich Fr. 3'000.-
Die internationale Tagung fand am 5. und 6. September 2011 an der Universität Zürich statt. Dabei standen Fragen nach den Ursprüngen und Anwendungen von Gesetzesterminologie und -metaphorik auf die Deutung kosmischer Phänomene im Zentrum.
Die Tagungsbeiträge stammten von Vertreterinnen und Vertretern der Assyriologie, Bibelwis-senschaft, Klassischen Philologie, Religionswissenschaft, Ägyptologie und Physik. Die Referie-renden kamen aus den USA, Europa und Israel. Die thematischen Hauptergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Plato, Aristotoles und die Stoiker sind nicht die Väter der Vorstellung von «Naturgesetzen». Die Ursprünge sind älter. Sie finden sich in Mesopotamien und Israel. Fast alle massgeblichen Lexika sowie wissenschaftshistorischen Abhandlungen zum Thema «Natur-gesetz» besagen, dass die Ursprünge der Idee von «Naturgesetzen» bei den Vor-Sokratikern, Platon und der Stoa zu finden sind, wo sich ein übergreifendes Konzept von kosmischer Gerech-tigkeit belegen lässt. Diese Bestimmung ist aber nicht hinreichend.
Die Tagung hat aus verschiedenen Perspektiven die bislang vorherrschende Position in der Wis-senschaftsgeschichte korrigiert, dass die Vorstellung von «Naturgesetzen» im antiken Griechen-land entwickelt worden sei. Ins Zentrum rückten stattdessen Mesopotamien und Israel. Die «Orientvergessenheit» der westlichen Wissenschaftsgeschichte ist nicht schwierig zu erklären: Sie hängt mit den unterschiedlichen Entdeckungs- und Tradierungszusammenhängen der griechi-schen Wissenschaft einerseits und der altorientalischen Wissenschaft andererseits zusammen: Während die mesopotamische Literatur mit dem Ausgang der Antike weitgehend in Vergessen-heit geriet, war das griechische Kulturerbe nicht nur jederzeit greifbar, sondern formte die Wis-senschaftsgeschichte des Abendlandes. Plato, Aristoteles und die Stoiker waren nicht einfach historische Personen der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, sondern Paradigmengeber und Bereiter der methodischen Grundlagen für zahlreiche intellektuelle Entwicklungen. Gleich-wohl entbinden diese Entwicklungen, auf denen die Gestalt der heutigen Wissenschaft fusst, in historischer Hinsicht nicht von der Notwendigkeit, Denkanstrengungen der neben- und ausser-griechischen Antike ebenfalls einzubeziehen, wenn wissenschaftsgeschichtlich geforscht wird.
Was die Vorstellung von «Naturgesetzen» betrifft, so lassen sich in der Literatur des antiken Israel und Mesopotamiens einige bemerkenswerte Befunde feststellen: So ist etwa im Alten Testament davon die Rede, dass Gott der Sonne, dem Mond und den Sternen «Gesetzesordnun-gen» (Jeremia 31,35) auferlegt habe, dass er «Gesetzesordnungen» (Jeremia 33,25) für Himmel und Erde festgelegt habe, oder dass er «Himmelsgesetze» (Hiob 38,33) bestimmt habe. Die Natur und vor allem der Himmel werden also nicht als dynamische und autonome Gebilde gesehen, die regellos funktionieren. Vielmehr sind sie der gesetzgeberischen Aktivität Gottes unterworfen, der ihre Regelmässigkeiten, etwa den Wechsel von Tag und Nacht, die Mondphasen oder die Stern-bewegungen festsetzt.
Das Alte Testament hat die Vorstellung einer gesetzlichen Ordnung nicht erfunden, sondern sie ist in mesopotamischen Texten bereits vorgedacht. Die fünfte Tafel des babylonischen Welt-schöpfungsepos Enuma Elisch etwa beschreibt die Regelmässigkeit der Sternbewegungen und des Mondlaufs als Resultat gesetzgeberischer Anordnung des babylonischen Hauptgottes Marduk. Dass es gesetzmässige Regularitäten in der himmlischen und natürlichen Welt gibt, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass die Himmels- oder Naturbeobachtung als extrapolationsfähig gilt: Wer auf den Himmel oder Vorgänge der Natur achtet, kann bestimmen, was geschehen wird. Das im Alten Orient florierende Divinationswesen baut der Sache nach auf eben dieser Überzeu-gung auf.
Die alttestamentliche und altorientalische Überlieferung bietet genügend Beispiele für rechtsför-mige Interpretationen von Himmels- und Naturphänomenen, so dass die bisherige Lexikonkultur zu den «Naturgesetzen» überdacht werden muss. Gleichwohl ist aber Zurückhaltung geboten. Die rechtliche Interpretation natürlicher und kosmischer Phänomene erfolgt in der vorgriechischen Antike entsprechend dem damaligen Rechtsverständnis, dass das Recht nicht als dem Machthaber übergeordnete, sondern ihm untergeordnete Grösse gilt.
Recht ist keine feststehende, konstante Grösse, sondern ein formbares Herrschaftsinstrument eines altorientalischen Königs. Entsprechend ist die rechtliche Interpretation von Himmels- und Naturphänomenen im alten Orient und im antiken Israel anders konturiert als in der europäischen Neuzeit: Himmel und Natur folgen der gesetzgeberischen Aktivität des jeweiligen Gottes. Die Vorstellung konstanter «Naturgesetze», die keiner Veränderung unterworfen sind, hat denn auch ein tiefgreifendes Verständnis im Wandel des Rechtsverständnis zu ihrer Voraussetzung, das sich einerseits in den frühen Demokratien Griechenlands und andererseits im nachstaatlichen Juda der Perserzeit zeigt: Recht wird in diesen postmonarchischen Gesellschaften neu verstanden als eine normative Instanz, die aus sich selber heraus bindende Wirkung hat. Erst im Gefolge dieser rechtsgeschichtlichen Prozesse konnte sich die Vorstellung einer durchgehend naturgesetzlicher Verfasstheit der Welt etablieren, die in der frühen Neuzeit dann ihrerseits die Ausbildung der Vorstellung eines für alle Menschen gleicherweise geltenden Naturrechts nach sich ziehen konnte, das aller menschlichen Gesetzgebung zu Grunde liegt.
Die Publikation der Tagung wird in Orbis Biblicus et Orientalis (Fribourg: Academic Press und Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht) erscheinen. |
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