Was zeigt das Bild?

Die einen sehen etwas Antikes, wohl eine griechische Statue, eine der Karyatiden im Erechtheion. Andere sehen die Wirkung von schwefliger Säure auf Kalk.
Natürlich haben beide Recht, und natürlich lachen beide über den andern. Die erste Kategorie, das sind die Gebildeten. Sie sagen "tempora mutantur, nos et mutamur in illis", sie wissen was ein Sonett ist, sie verwechseln Impressionisten nicht mit Expressionisten und sie sind stolz darauf, nicht zu wissen, was unter einer Motorhaube steckt.
Die andern kennen aus der Antike allenfalls den Pythagoras und den Thales. Dafür wissen sie, warum der Himmel blau ist und das Wasser nass. Sie können sich an der Lösung einer Differentialgleichung ergötzen, sie können den Wert einer Aktie berechnen und sie sind stolz darauf, dass sie sich nicht für Goethes Liebschaften interessieren. Das sind die Ausgebildeten.

 

Es gibt die Geistes- und Sozialwissenschaften und es gibt die Naturwissenschaften. Zwischen ihnen klafft ein Graben. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Die gegenseitige Verständigung ist gestört. Dieser Mangel an Kommunikation zwischen den Wissenschaften führt auch zu einer unzureichenden Kommunikation von wissenschaftlichen Inhalten an Meinungsmacher und die weitere Öffentlichkeit. Das daraus folgende, allgemeine Unverständnis der Grundlagen unserer Zivilisation führt zu diffusen Ängsten. In einer Demokratie ist diese Entwicklung gefährlich. Wenn wichtige gesellschaftliche Diskussionen von Angstgefühlen geleitet werden, ist der Schritt zu emotionalen und irrationalen Entscheidungen klein.

 

Wie ist es soweit gekommen? Eigentlich ist es nicht erstaunlich, dass eine gewisse Spezialisierung eingesetzt hat. Die ungeheure Explosion des Wissens, welche die Wissenschaft in den letzten zwei Jahrhunderten produziert hat, kann von keinem einzelnen Menschen mehr überblickt werden. Es braucht Spezialisten. Die Universalgenies der Renaissance wie Leonardo da Vinci kann es nicht mehr geben.
Doch letztlich bildet das menschliche Wissen ein Ganzes. Zwischen den Disziplinen muss es Kommunikation geben. Die Natur hält sich nicht an Disziplinengrenzen und die Probleme, die auf uns zukommen, auch nicht. Zum Beispiel:

 

Den Naturwissenschaftern wird oft mangelndes ethisches Bewusstsein vorgeworfen. Man erwartet gar von ihnen, dass sie sich der ethischen Tragweite ihrer Forschungsergebnisse bewusst sind, bevor sie die Arbeit beginnen. Physiker sind Physiker und Genetiker sind Genetiker; sie sind keine Ethiker. Wenn sie versuchen, Ethiker zu sein, sind sie blosse Dilettanten. Dabei ist die Tragweite der von der modernen Naturwissenschaft aufgeworfenen ethischen Fragen gewaltig; sie müssen gemeinsam mit den Ethikern "aus der Zunft" beantwortet werden. Zuerst müssen diese aber verstehen, worum es überhaupt geht.